Der Tote am Seebenstein

Oder

Das geht an die Nieren

„Hast du so etwas jemals gesehen?“, flüsterte der Beamte.
„Vielleicht im Fernsehen. In unserem Ort hat es schon seit dreißig Jahren keinen Mord mehr gegeben“, kam die erschütterte Entgegnung.
„Wie kann jemand so unmenschlich und grausam sein?“
Die Leiche lag eingehüllt in Plastik auf dem Boden, Hände und Füße mit einem breiten Klebeband gefesselt, den Mund zugeklebt. Die weit aufgerissenen Augen ließen nur erahnen, was der Sterbende gefühlt haben mochte. Man konnte selbst durch das Plastik sehen, dass der Bauch brutal aufgeschlitzt wurde. Das Blut wurde aber offenbar sorgfältig weggewischt. Für die beiden Polizisten eine Tat des Grauens in einem kleinen friedlichen Ort. Sie hatten bisher nur Verkehrstote auf der nahen Südautobahn gesehen.
Wie zum Hohn ging strahlend die Sonne über dem Bergkamm auf. Sie beleuchtete die majestätisch aufragende Burg Seebenstein in einem unwirklich erscheinenden Orange. Doch niemand beachtete das Schauspiel, das ihnen die aufgehende Sonne mit ihrem Morgenrot bot. Zu sehr waren sie mit dem Grauen, das ihnen die zu Füßen der Burg liegende Leiche bereitete, beschäftigt.
„Es war ein kaltblütig geplanter Mord. Es wurde ihm mit chirurgischer Präzision die Niere herausgeschnitten!“, meinte der herbeigerufene Gemeindearzt.
„Mit chirurgischer Präzision?“, wiederholte ungläubig der leitendende Beamte Rayonsinspektor Gattermeier.
„Ja – man hätte sie in diesem Zustand vermutlich irgend Jemandem einpflanzen können.“ Der Arzt beendete seine Untersuchung.
„Unverständlich ist nur, warum der Täter die so exakt herausoperierte Niere dem Toten zwischen die Füße legte. Das macht doch keinen Sinn!“
„Vielleicht eine Botschaft – ein Racheakt.“
„Keine Ahnung! Das ist euer Bier. Meine Arbeit ist getan. Ich würde vorschlagen, dies einen Pathologen beurteilen zu lassen.“ 
„Er hat recht. Das übersteigt unsere Kompetenz. Wir brauchen Hilfe! Ich informiere zuerst mal den Chef!“
Inspektor Gattermeier tat sich schwer mit dieser Entscheidung. Er mochte die Wichtigtuer in Zivil nicht. Doch dieses Verbrechen war speziell. Es war ein Fall für die Kriminalpolizei.
Gattermeiers Abneigung war allerding aus dem Frust geboren, dass er im Gegensatz zu seinem damaligen Partner bei einer wichtigen Beförderung übergangen wurde. Aus seinen Reaktionen darauf folgten die Degradierung und Versetzung hierher.
Er verscheuchte die finsteren Gedanken und erstattete seinem Postenkommandanten Bericht.
In einigem Abstand davon hatte sich der völlig verdatterte Zeuge Leo Handler auf einer Bank vor dem Burggraben niedergelassen. Sein Vorstehhund Max, der schuld an dem Fund war, lag gelassen neben ihm.
Gattermeiers Partner nahm die Personalien auf.
„Eines würde mich auch sehr interessieren. Waren sie hier ohne Leine unterwegs?“
„Was soll ich sagen – der Hund muss das Blut gerochen haben. Er riss sich los und stürmte wie ein Raubtier auf den Mann mit der Leiche los. Dieser ergriff sofort die Flucht, aber Max interessiert sich nur noch für die Leiche. Das hat er so gelernt. Ich musste ihn fast mit Gewalt davon wegziehen.“
„Können sie den Mann beschreiben?“
„Wie denn – es war doch noch finster. Ich gehe gerne mit dem Hund frühmorgens los.“
„Vermutlich ohne Leine und Beißkorb!“ ätzte der Beamte.
„Ich bitte sie! Das ist ein abgerichteter Jagdhund! Er folgt aufs Wort!
Wir machen hier auf der großen Wiese vor der Burg unser tägliches Dummy-Training. Um ungestört zu sein sind wir sehr früh unterwegs. Der Hund braucht nichts zu sehen – er soll den Dummy wittern. Bisher haben wir hier noch nie jemanden angetroffen.“
 „Was bitte ist ein Dummy-Training?“
„So wie manche Leute ihren Hund mit Stöckchen oder Bällen beschäftigen, machen wir das mit sogenannten Dummys. Das sind Attrappen, mit deren Hilfe wir dem Hund Aufgaben stellen. Ich bin pensionierter Jäger. Der Max ist es seit Jahren gewöhnt, an meiner Seite zu sein und zu warten bis er in Aktion treten darf. Wir waren eben erst an der Lichtung angekommen. Wir waren noch nicht so weit.“       
„Wieso riss er sich dann los?“
Herr Handler wand sich ein wenig, peinlich berührt.
„Ja, in diesem Fall…es muss der Blutgeruch gewesen sein. So hat Max noch nie reagiert! Es sah nur so aus als würde er sich auf den Mann stürzen. Er war an der Leiche interessiert. Es ist ein braver Hund.“
Er strich dem Hund zärtlich über den Kopf. Dieser quittierte es mit einem freudigen Schwanzwedeln.
„Ist ihnen sonst etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“
„Er hatte seinen Wagen auf dem Forstweg am unteren Ende der Wiese abgestellt. Da war er für uns nicht zu sehen, denn wir kamen von der anderen Seite über die Serpentinen. Der Forstweg liegt etwas tiefer als die Wiese und war von Gebüschen verdeckt.“
„Natürlich! Er musste die Leiche ja irgendwie heraufgebracht haben. Sie haben den Wagen nicht gesehen?“
„Das Fahrzeug selber nicht, aber für kurze Zeit das Scheinwerferlicht, während er es ohne Motor bergab laufen ließ!“
„Wie weit waren sie entfernt?“
„Auf der anderen Seite der Wiese, etwa 150 Meter. Der Max muss trotz der Dunkelheit die Bewegung wahrgenommen und dann das Blut gerochen haben. Bis ich bei dem wartenden Max ankam war nichts mehr zu hören oder zu sehen.“
Es war inzwischen heller Tag geworden. Ein sonniger Frühlingstag. Die Burg erstrahlte im Sonnenlicht. Fast majestätisch, fand Inspektor Pasching und musste sich von dem Anblick losreißen, um mit der Befragung fortzufahren.
Der Inspektor war schon ein wenig genervt. Dieser Zeuge war nahezu unbrauchbar. Der Polizist unterdrückte mit Mühe einen Fluch.
Da kam auch noch Inspektor Gattermeier herbei und war mit dem Ergebnis der Befragung unzufrieden.
Er sah sich um. Der Forstweg war zwar breit genug, doch ein normales Fahrzeug könnte den steilen, mit Felsbrocken übersäten Weg sicher nicht schaffen.
Er lag etwas tiefer als die Wiese und es mündete ein zweiter Waldweg schräg von der Seite so ein, dass es einfach war das Fahrzeug auf dieser Art Kreuzung umzukehren und Talwärts zu stellen.
Gebüsche begrenzten die Wiese man würde es selbst bei Tageslicht kaum sehen.
„Mit diesem Zeugen werden Sie keine Freude haben!“
„Schicken Sie den Zeugen nach Hause. Bis das LKA kommt wird es noch dauern. Die kommen aus St. Pölten.“
„Warum nicht die Beamten des Bezirkskriminalamtes aus Wiener Neustadt. Das wäre doch wesentlich näher?“
„Weil der Fall für die hohen Herren offensichtlich interessant ist.“
Man konnte deutlich den negativen Unterton des Inspektors hören.
Otto Pasching schwieg. Es war ihm bekannt, aus welchem Grund sein Partner auf die Zivilkollegen nicht gut zu sprechen war.
In einem Punkt hatte sich Inspektor Gattermeier jedenfalls geirrt.
Die Beamten des LKA waren schneller da als gedacht.
Plötzlich knatterte es über den Bäumen und ein Polizeihubschrauber landete inmitten der Burgwiese.
„Die kommen mit dem Hubschrauber. Ich kann es nicht glauben!“, entfuhr es dem Streifenpolizisten.
“Hat aber eine Logik! Von St. Pölten hierher wäre eine längere Fahrzeit nötig!“
Otto Pasching schüttelte den Kopf. „Ich sage doch – sie hätten auch von Wiener Neustadt…“
Der Inspektor unterbrach ihn und ging den drei Gestalten, welche über die ehemalige Turnierwiese rannten, entgegen. Er kannte sie und es war ihm klar, welche Häme ihn erwartete.
„Na sieh einer an – unser zukünftiger Leutnant. Noch immer nicht geschafft?“, wurde er von Leutnant Friedhelm Matzinger, einem ehemaligen Freund, begrüßt. Ehemaliger Freund deshalb, weil ihm Feri Gattermeier nach einer süffisanten Bemerkung über seine nicht erfolgte Beförderung ein blaues Auge schlug.
Leutnant Matzinger wechselte schnell das Thema, als er die Wut in den Augen seines ehemaligen Freundes und Partners aufkommen sah.
„Das ist Inspektor Kurt Thiemig und jener hier unser Pathologe Gary Strobl“, deutete er auf seine Begleiter.
„Revierinspektor Feri Gattermeier und das ist Inspektor Otto Pasching von der Verkehrspolizei“, brummelte Gattermeier unwirsch.
Es ärgerte ihn, dass ihm die ehemaligen St. Pöltner Kollegen den Matzinger, seinen ehemaligen Partner, vor die Nase setzten.
Ihr Disput hatte Wellen geschlagen und für Gattermeier die Rückstufung und die Versetzung nach Schwarzau bedeutet. Es war eine Strafversetzung. Schwarzau war nur bekannt für das Schloss Schwarzau, in dem Kaiserin Zita und Kaiser Karl am 21. Oktober 1911 heirateten
. Heute dient das Schloss als Strafvollzugsanstalt für Frauen. Es ist sonst ein unbedeutender 2000 Seelen-Ort südlich von Wiener Neustadt am Beginn der sogenannten „Buckligen Welt“ im Südosten Niederösterreichs. Eine ruhige und friedliche Gegend im Osten des Bezirks Neunkirchen. Einzig der nahe Autobahnknoten Seebenstein, mit seinen vielen Verkehrsunfällen, sorgte hie und da für ein wenig Abwechslung.
Der Leutnant vermied nun jeden hämischen Unterton.
„Was haben wir?“
„Vielleicht eine missglückte Operation! Es wurde ihm tatsächlich fachgerecht die Niere entnommen und zwischen die Beine gelegt. Der Tod ist vor etwa 12 Stunden eingetreten. Die Leiche wurde gesäubert und in Plastik eingewickelt. Mehr kann ich im Moment nicht sagen.“
Der Pathologe schleppte gemeinsam mit dem Piloten und Inspektor Pasching das schwere Paket in den Hubschrauber.
Sie ließen Leutnant Matzinger und Inspektor Thiemig zurück.
„Gibt es irgendwelche Spuren?“
„Ein Hund hatte den Täter verjagt und die Leiche gefunden!“
„Ob es der Täter war ist noch nicht klar!“, verbesserte Leutnant Matzinger.
Gattermeier schluckte die böse Antwort herunter. Heute würde er sich keine Blöße geben. Vielleicht war die Tatsache, dass sie ausgerechnet Matzinger schickten, ein Test des LKA. Vielleicht gab es eine Chance für ihn, noch einmal ins „Landes-Kriminal- Amt zu wechseln!
Der Leutnant sah den Forstweg und schüttelte den Kopf.
„Spuren werden wir hier kaum finden. Hier kommt ein normales Fahrzeug ganz sicher nicht herauf. Es muss sich um ein geländegängiges Fahrzeug handeln. Das ist eine Spur. Wo ist der Hundeführer?
„Wir haben ihn nach Hause geschickt. Wir konnte ja nicht ahnen, dass ihr mit dem Hubschrauber ankommt. Aber er wohnt hier am Fuße des Berges!“
„Ihr habt den Zeugen einfach weggeschickt? Vor unserer Ankunft?“
Der Leutnant vermied es das Wort „Du“ zu sagen, obwohl er eindeutig der Meinung war, dass Feri dafür verantwortlich war.
Otto Pasching hatte inzwischen per Handy den Leo Handler gebeten, noch einmal an den Fundort zu kommen. Dieser willigte ein. Es würde ein paar Minuten dauern.
Friedhelm Matzinger war verärgert. Er fand es eine Schlamperei.
Inzwischen war die Spurensicherung aus Neunkirchen eingetroffen und nahm ihre Arbeit auf.
Nun kam auch Leo Handler mit seinem Auto an.
Der Leutnant nahm ihn mit auf die Seite zu der Bank, um ihn zu befragen.
Otto flüsterte Feri zu: “Jetzt macht er sich wichtig. Ich habe Handler doch schon befragt.“
„Wir müssen ganz cool bleiben. Egal wie er reagiert!“, sagte Gattermeier mit bitterem Unterton.
Inspektor Thiemig gesellte sich zu den Beiden.
„Der Leutnant ist nicht begeistert“, begann er. „Man kann die Spannung zwischen ihm und Ihnen, Inspektor Gattermeier, spüren. Das ist nicht normal.“
„Das hat einen aktuellen Grund, über den wir nicht sprechen wollen!“, wehrte Gattermeier sofort ab.
Thiemig schwieg, nahm sich aber vor herauszufinden was hier los war. Diese Frostigkeit der Beiden war doch spürbar. Das war keine Basis für eine gute Zusammenarbeit.
„Hat die Spurensicherung irgendwelche Erkenntnisse?“
Gattermeier war froh, ablenken zu können.
„Tut mir leid. Hier war nichts zu holen. Der Weg ist zu steinig. Möglicherweise haben wir mit Fingerabdrücken auf dem Plastik Erfolg. Das müssen wir im Labor untersuchen, denn die Leiche ist schon weg.“
„Bevor die Spurensicherung ihren Teil getan hat?“, wunderte sich jetzt Inspektor Thiemig.
„Zu der Zeit war schon der Matzinger verantwortlich!“, ätzte Feri Gattermeier, “ich wasche meine Hände in Unschuld!“
Inspektor Kurt Thiemig unterdrückte die Bemerkung, die er eben machen wollte. Leutnant Matzinger hatte seine Befragung beendet und kam heran.
„Nun? Gibt es etwas Neues?“, fragte er. Die drei Beamten schüttelten den Kopf.
„Keine Spuren? Auch nicht von dem geparkten Wagen?“
„Nichts dergleichen!“
„Verdammt! Was wollte der Verdächtige bloß hier. Er hätte den Toten im Wald längst ablegen können. Hier ist doch weit und breit nichts.“
Der Leutnant blickte sich ratlos um.
„Da sind Sie im Irrtum. Er wollte die Leiche für immer verschwinden lassen!“, widersprach Inspektor Pasching. „Er kannte sicher die Gegend rund um die Burg Seebenstein!“
„Ja zum Teufel – wie denn?“ Friedhelm wurde ungeduldig. Der Fall war ihm ein Rätsel. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und er verspürte Hunger.
Otto Pasching war stolz dieses Geheimnis lüften zu können.
„Ganz einfach. Er wollte die Leiche in den Brunnen werfen!“
Triumphierend blickte er in die verdutzten Gesichter.
„Brunnen? Wo ist hier ein Brunnen?“
Auch Gattermeier hatte davon noch nie gehört.
„Hier hinter dem Zaun. Das sind nur ein paar Schritte.
„Da ist ein Brunnen. Als Kinder haben wir dort Steine hineingeworfen. Es dauerte immer einige Sekunden bis man es klatschen hörte! Das ideale Grabesversteck für einen Ermordeten. Der Brunnen soll eine Tiefe von 150 Metern haben. Wer weiß wie viele Leichen da schon drinnen liegen!“
„Grabesversteck - jetzt geht ihm die Phantasie durch!“, dachte Thiemig.
Sie setzten sich in Bewegung, um den Brunnen zu begutachten.
Etwa 100 Meter vom Eingang der Burg entfernt und auf der anderen Seite von dem Forstweg kaum 30 Meter, stand ein riesiger Ahornbaum, von ein paar Gebüschen und einem Zaun umgeben. Man musste sehr nahe herankommen, um das Brunnenloch zu sehen. Es war einfach am Boden ohne besondere Umrandung angelegt.
„Um Himmels Willen das ist ja ein Riesending! Das sind ja annähernd drei Meter im Durchmesser. Frei zugänglich! Der Zaun ist doch kein Hindernis. Das Loch sollte doch abgedeckt sein!
„Ja, vor allem weil an dem Zaun noch die Bank steht. Es ist nicht allzu schwer, mit der Leiche auf die Bank zu steigen und sie auf nimmer wiedersehen verschwinden zu lassen.
„Das war also der Plan!“
„Er hätte es beinahe geschafft, wenn ihm der Hund nicht in die Quere gekommen wäre.
„Es sollte also jemand sein, der sich hier auskennt.“
„Das muss nicht sein!“, widersprach Leutnant Matzinger.
„Es ist möglich, dass man eine Erwähnung im Internet findet. Dazu muss man nicht von hier sein.“
Revierinspektor Feri Gattermeier war anderer Ansicht, doch er schwieg.
„Damit wären wir hier oben fertig. Ich habe Hunger! Gibt es in dem Nest ein Lokal, wo man essen kann?“
„Es gibt eine Pizzeria in der Nähe des Bahnhofs“, erklärte Otto Pasching stolz. Er fand, dass er einen wichtigen Beitrag zur Klärung des Falles beigetragen hatte.


„Fassen wir also zusammen!“, meinte Leutnant Matzinger als sie sich im Extrazimmer der Pizzeria „Am Spitz“ hingesetzt hatten.
„Eines scheint klar zu sein. Die Operation könnte irgendwo gemacht worden sein. Ganz offensichtlich handelt es sich um einen fehlgeschlagenen Organhandel!“
„Das wäre in dieser Gegend eher unüblich. Illegal Organe zu entnehmen ist ein gutes Geschäft. Aber in Österreich? Das wäre neu.“, widersprach ihm Gattermeier.
„So eine Niere kann bis zu 160 000 Euro bringen!“, warf Thiemig ein.
„Dafür würde man Strukturen brauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die bei uns vorhanden sind!“, meinte Gattermeier wieder.
„Was nicht ist, kann noch werden“, sagte der Leutnant.
Er war mit der Pizza zufrieden.
„Außerdem – es ist nicht mehr dein Problem.“, wandte er sich an Inspektor Gattermeier, triefend vor Hohn. Er hatte die Abreibung von damals noch nicht überwunden.
„Die weiteren Untersuchungen können wir von St. Pölten aus machen. Aber es war nett, dich wiederzusehen Feri. Auch wenn du nachtragend bist. Ich wünsche dir für deinen weiteren Berufsweg das Beste, was du haben kannst.“
Er wandte sich zu Thiemig: „Wir nehmen die Bahn. Da haben wir Zeit zu überlegen. Vermutlich müssen wir Interpol einschalten!“
Für diese Aussage würde ihm Gattermeier am liebsten noch ein Veilchen aufs Auge verpassen, doch er beherrschte sich.
„Das Beste was ich haben kann!“, murmelte er vor sich hin. „So eine Frechheit. Der wird sich noch wundern!“
Er sah den Beiden nachdenklich hinterher, als sie zum Bahnhof schritten.
„Meinen Sie auch, dass es hier um einen illegalen Organhandel geht?“, fragte Inspektor Pasching seinen Partner.
„Nein! Es spricht einiges dagegen. Die Sorgfalt, mit der der Körper der Leiche gesäubert wurde spricht dafür, dass sie einander gut kannten. Es muss eine Beziehung zueinander gegeben haben!“
„Damit sind Sie aber auf einem völlig anderen Weg als Leutnant Matzinger!“
„So ist es. Er will uns los werden, aber wir werden den Fall ohne ihn aufklären!“
Er richtete sich auf. Energie durchströmte ihn. Sein Plan stand fest.
„Ich habe noch freundschaftliche Verbindungen nach St. Pölten. Auf diese Weise werde ich Friedhelms Fortschritte mitverfolgen können!“
„Sie wollen auf eigene Faust recherchieren? Ohne Genehmigung von oben?“
„So ist es und Sie werden mir dabei helfen!“
Es hörte sich nicht so an als würde er eine Widerrede dulden.
„Riskiere ich damit nicht meinen Job?“
„Ich werde den Postenkommandanten teilweise einweihen. Damit machen wir ihn mitschuldig. Er wird sich hüten, uns in die Quere zu kommen. Wir lösen den Fall, aber ich kann es nicht allein. Werden Sie dabei sein?“
Die Sicherheit des Revierinspektors irritierte Inspektor Pasching. Doch genau betrachtet, versprach die Sache interessant zu werden. Interessanter jedenfalls als nur Verkehrsunfälle, mit denen er es normalerweise zu tun hatte. Er nahm einen tiefen Atemzug.
„In Ordnung – ich bin dabei und hoffe, dass Sie wissen was sie tun!“
„Als Erstes muss man herausfinden wer der Tote ist. Ich denke – das wird Friedhelm sehr bald geschafft haben. Also auf gute illegale Zusammenarbeit.“
Bei dem Wort „illegal“ zuckte Otto zusammen, aber schließlich reichte er dem Revierinspektor die Hand zum Bund. Feri sah sich seinem Ziel so nahe wie schon lange nicht mehr. Sollte er den Fall lösen, würden sie ihn mit Kusshand wieder nach St. Pölten holen. Das war sein Ziel.

Leutnant Matzinger gründete inzwischen eine SOKO - Organhandel. Sie forschten gemeinsam mit Interpol nach illegalem Organhandel in Österreich oder Deutschland. Eurotransplant war normalerweise die Plattform, mit der offiziell mit Organen gehandelt wurde. Doch bald erkannte Friedhelm, dass es tatsächlich zu wenig verfügbare Organe gab. Das wiederum spielte dem illegalen Handel mit Organen in die Hände. Todkranke Patienten waren offensichtlich bereit, jeden Betrag für die Rettung ihres Lebens zu bezahlen.
In Österreich war allerdings kein illegaler Fall bekannt. Rundum und vor allem in Osteuropa sowie Pakistan und Indien war von Mafia-Umtrieben die Rede.
Hier im Lande war jeder automatisch Organspender, es sei denn er distanzierte sich zu Lebzeiten davon. Es gab trotzdem lange Wartelisten. Die Leute der SOKO - Organhandel wurden mit viel Leid konfrontiert, so dass man fast verstehen konnte, wenn jemand illegal ein Organ erwerben wollte. Fast immer war jedoch die Organentnahme im Rahmen eines Verbrechens geschehen. Manche wurden entführt und wachten mit einer entnommenen Niere auf. Manche wachten nicht mehr auf. So wie der Tote bei Burg Seebenstein.
Man kannte inzwischen seinen Namen. Es war Ferenz Wadosch, ein pensionierter Immobilienmakler.  Er lebte völlig unauffällig in einem Haus am Rande von Wiener Neustadt. Die Befragung der Nachbarn ergab nichts. Sie hatten weder etwas gesehen noch Verdächtiges gehört.

Gattermeier hatte einen anderen Plan. Er musste dafür warten, bis Matzingers Beamten das Feld wieder räumten.
„Was wollen Sie noch herausfinden, wenn doch die SOKO – Leute schon hier waren?“, fragte Otto Pasching erstaunt, während sie durch die Gassen rund um das Haus des Toten wanderten. Beide trugen keine Uniformen, um niemanden zu beunruhigen. Otto fühlte sich dabei sehr unwohl.
„Wenn das nur gut geht!“, hoffte er.
„Ich suche jemanden, der für Tratsch empfänglich ist!“, sagte Feri Gattermeier mit suchendem Blick. Plötzlich spannte sich sein Körper. Er dürfte fündig geworden sein.
„Gehen Sie zum Auto!“ sagte er zu seinem Partner. „Lassen Sie sich Zeit und kommen Sie nach ungefähr einer viertel Stunde mit einer Kamera wieder!“
„Aber wir haben doch Handys!“
„Tun Sie, wie ich sage. Vielleicht haben wir Erfolg. Manche Menschen werden von mehreren Personen eingeschüchtert. Da kann ein Einzelgespräch helfen!“
Otto verstand. Er ging zu dem Auto, das etwas weiter um die Ecke parkte.
„Ich bewundere Ihren Blumengarten!“, rief Feri der alten Dame zu, die sich am Fenster hinter dem Vorhang zu verstecken suchte. Dennoch war sie neugierig genug, um immer wieder dahinter hervor zu blicken.
„Der ist nicht nur schön, das ist auch Bienenfutter. Sie haben ein Herz für Insekten. Das kann man an den Insektenhotels im hinteren Garten sehen!“ Die Dame reagierte nicht.
„Ganz anders als der Garten da gegenüber. Er ist kalt und schmucklos.
Eine Schande. Zwar sehr gepflegt, aber ohne Leben!“
Diesmal reagierte die Dame und schob den Vorhang beiseite.
„Sie haben recht. Es ist eine Schande. Man könnte so viel Schönes aus diesem Garten machen!“
„Die sind eben keine Gartenliebhaber!“
„Es gibt nur einen Er und wie man hört ist er gestorben!“
„Ja! Ich habe es auch gehört, aber die näheren Umstände waren etwas seltsam!“ Feri sprach absichtlich leiser, so dass sie die letzten Worte kaum mehr verstehen konnte.
Das weckte ihre Neugier noch mehr und sie öffnete die Haustüre und blieb in der Nähe stehen.
Feri Gattermeier trat bewusst vom Gehsteig etwas zurück auf die Straße. Wenn er sprach, wurde er immer schwerer hörbar. Das strengte die Dame an.
„Ach kommen Sie doch herein, so spricht es sich leichter!“, sagte sie schließlich und öffnete die Gartentür. Die Neugier hatte über ihre Vorsicht gesiegt. Nun lobte Gattermeier sie für jede Anlage in ihrem Garten. Sie führte ihn geschmeichelt herum, doch schließlich wollte sie mehr über den Tod des Nachbarn wissen.
„Setzen wir uns doch in die Laube und ich mache Ihnen einen Tee“, bestimmte sie schließlich. Feri war mit dem folgenden Gespräch sehr zufrieden und als Otto mit dem Fotoapparat auftauchte, stellte er ihn als Fotograf einer Zeitung vor. Otto spielte mit und sie fotografierten eifrig die alte Dame, das Haus und die vielen wunderschönen Blumen.
Auf dem Heimweg fragte Otto Pasching verblüfft.
„Wie haben Sie es nur geschafft so intim ins Gespräch zu kommen?“
„Menschenkenntnis, junger Mann – Menschenkenntnis - das erwirbt man bei der Kriminalpolizei. Außer man heißt Friedhelm Matzinger!“ Dieser Seitenhieb auf seinen ehemaligen Partner musste sein.

 

Leutnant Matzinger war unzufrieden mit dem Ergebnis der Befragungen in der Nachbarschaft des Verstorbenen. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen.
Der Mann war ein verschrobener Einzelgänger ohne Kontakte. Man hatte auch den Eindruck, dass niemand über seinen Tod unglücklich war. Das Grundstück war von mannshohen Gebüschen umgeben. Es war von keiner Seite richtig einzusehen. Ein Nachbar erzählte, dass er eine Tochter gehabt hätte, die er von allen fernhielt.
Bisher waren sie diesbezüglich noch nicht fündig geworden. Sie lebte offensichtlich schon längere Zeit nicht mehr dort. Eine Durchsuchung des Hauses ergab nichts. Sie war wie ein Geist. Keine Andeutung auf ein Mädchen oder eine Frau.
Der Mann war ein gebürtiger Ungar. Man kontaktierte die ungarischen Behörden. Vielleicht ergäbe das ein weiterkommen. Es ergab einen Treffer. Ein Mann seines Namens war als Pädophiler bekannt. Er flüchtete noch während der Zeit des „Eisernen-Vorhangs“ nach Österreich und wurde nicht weiterverfolgt. Könnte es eine Spur sein?
Wenn er eine Tochter hatte, dann vielleicht auch eine Frau. Das müsste doch zu eruieren sein.
Man durchsuchte in Wiener Neustadt sämtliche Heiratsdaten der letzten 40 Jahre, kam aber zu keinem Ergebnis.
„Er könnte ja auch unverheiratet eine Tochter haben.“
Aber auch die Suche über den Familiennamen des Getöteten gab kein Ergebnis.
„Es war ein Pädophiler, Womöglich war sie seine Sexsklavin und er hat ihre Spur gelöscht!“
„Sie müsste doch in die Schule gegangen sein!“
„Ist irgendwie blöd, wenn man keinen Namen hat. Vielleicht hilft der Zufall!“
Also durchsuchten sie Schulregister. Ergebnislos!
Inzwischen kamen Meldungen von Interpol. Es gab keinen Zusammenhang zu Österreich oder Wiener Neustadt in Bezug auf illegalen Organhandel.
„Was nicht bedeutet, dass es ihn nicht gibt!“, knurrte Leutnant Matzinger entnervt.
„Wir drehen uns im Kreis und finden keine Anhaltspunkte. Er hat sein Leben sehr unter Verschluss gehalten!“
„Vermutlich aus gutem Grund!“
„Kann es nicht sein, dass jemand nur Rache üben wollte und es auf diese Weise tat?“
„Das widerspricht jeder Logik. Es ging um die Niere. Aber es könnte sein, dass sie plötzlich nicht mehr gebraucht wurde!“
 „Er hatte doch noch seine zweite Niere. Er hätte überleben können!“
„Vielleicht hat er seine Peiniger gekannt und musste deshalb sterben!“
„Nein! Die Art wie die Verletzung behandelt wurde, im Gegensatz zur Niere, zeigt eindeutig die Tötungsabsicht.“
„Ich sage, es ist Organhandel, der irrtümlich aufflog oder irgendwie schief ging. Man musste den Spender schnellstens entsorgen!“, legte sich Matzinger fest.
„Die Art der Entsorgung spricht aber für einen Ortskundigen!“, war sich Thiemig sicher.
Der Leutnant wischte das Argument mir einer Handbewegung weg.
„Man kann heutzutage jede Information im Internet bekommen. Auch die von dem Brunnen auf Seebenstein!“

 

Revierinspektor Gattermeier war zufrieden. Sein Informant Georg Hofreiter aus dem LKA – St. Pölten teilte ihm mit, dass die SOKO – Organhandel in Bezug auf das Opfer schlampig recherchierte. Statt im Umfeld des Ermordeten weiter zu suchen, konzentrierten sie sich auf den internationalen, illegalen Organhandel. Da hatten sie viel zu tun, denn dieser Handel florierte und war nicht leicht zu durchschauen. Interpol war keine große Hilfe aber der Leutnant hatte sich festgebissen und gab nicht auf.
Gut für Gattermeier, denn er hatte nicht nur seinen Freund im LKA, sondern auch die alte Dame als Nachbarin des Ferenz Wadosch. Sie glaubte die Familienverhältnisse des Opfers zu kennen.
„Das Haus gehört seiner ehemaligen Lebensgefährtin. Mit der hatte er eine Tochter. Diese liebte ihren Vater abgöttisch und blieb auch nach der Trennung von der Mutter bei ihm. Es wurde gemunkelt, dass die beiden mehr als nur Vater und Tochter waren.
 Das Mädchen – inzwischen eine junge Frau – war plötzlich verschwunden. Angeblich hatte sie geheiratet und ein Kind bekommen.
Ab diesen Moment ging es mit Ferenz seelisch bergab. Er wurde zum wunderlichen Einsiedler. In der Siedlung mied man ihn wo es möglich war. Das war ihm egal. Er wollte nur seine Ruhe haben.“
Das waren gute Informationen, die das LKA nicht hatte. Diese suchten vergeblich nach Erben des Verstorbenen.
Doch die Information, dass jenes Haus der ehemaligen Lebensgefährtin gehörte, war Goldes wert.
So fand er den Namen der Lebensgefährtin und ihrer Tochter heraus.
Hoch der österreichischen Bürokratie. Man kann sich in diesem Land nicht leicht verstecken. Sie hieß Helga Schopp und ihre Tochter war Iris Kaindl.
Helga Schopp wohnte mit ihrer 80jährigen Mutter in deren Häuschen in der Nähe des Seebensteiner Friedhofs.
Seebenstein war ein faszinierender Ort. Schon bei der Zufahrt von der Autobahn war man von dem Blick auf die Burg gefangen.
„Diese Burg sieht zu jeder Tages- beziehungsweise Jahreszeit anders aus. Besonders wenn im Herbst der ganze Berg bunt gefärbt ist oder der Nebel die Burg wie von Wolken umgibt. Egal wohin du dich in Seebenstein wendest. Der Blick auf die Burg ist immer präsent. Sie sieht auch aus jeder Perspektive anders aus.“
Otto Pasching war stolz auf sein Seebenstein.
Gern hätte er dem Bezirksinspektor den Park mit dem Parkbad und den Tennisplätzen am Waldrand gezeigt, doch dieser war an seinen Ausführungen nicht interessiert. Ja! Otto hatte sogar das Gefühl, dass es Feri nervte.
Als sie bei dem Friedhof anlangten, ließ es sich der Inspektor trotzdem nicht nehmen, den sich sträubenden Gattermeier zu einem besonderen Platz in das Feld hinter dem Friedhof zu schleppen. Der Revierinspektor musste zugeben, er war beeindruckt über die Aussicht, die er hier zu sehen bekam.
Wie auf einer Ansichtskarte war zuerst links in der Höhe die Burg mit dem Turm zu sehen. In der Mitte, leicht die Dächer des Ortes überragend, die Kapelle mit dem Spitzturm. Wenn man danach den Blick weiter nach rechts in die Ferne lenkte, türmte sich zwischen zwei grünen Hügeln der stolz aufragende Schneeberg auf. Er ist das Wahrzeichen dieser Gegend Niederösterreichs. Diese tolle Aussicht wurde noch gekrönt mit einem phänomenalen Sonnenuntergang, der den Himmel um den Schneeberg orange bis rot färbte. Welch ein Panorama! Es ließ das Herz des Inspektor Pasching höherschlagen.
Gattermeier holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
„Wir haben noch eine Aufgabe – schon vergessen?“
„Entschuldige! Aber ich habe…!“
„Schon gut. Sie wollten mir Ihre Welt zeigen. Es ist sehr schön hier, wenn man davon absieht, dass wir hier eigentlich beim Friedhof sind!“ ätzte Feri ein wenig. Doch damit kam er bei Otto nicht an.
„Friedhöfe haben etwas romantisches, friedliches an sich…“, versuchte er sich zu ereifern, doch Gattermeier ließ ihn einfach stehen und stapfte eiligen Schrittes zu Frau Schopps Grundstück.
„Wir haben zu arbeiten und der Tag geht zu Ende!“

 

„In Klagenfurt ist ein Patient verstorben, weil die ihm versprochene Niere nicht rechtzeitig ankam!“
Matzinger schwenkte fröhlich ein Memo, als wäre es das Gegenteil einer Todesnachricht.
„Schickt sofort ein Team zur Unterstützung der Klagenfurter Beamten. Möglicherweise gibt es einen direkten Zusammenhang mit unserem Fall! Stellt fest von wem die Niere versprochen war und warum sie nicht rechtzeitig ankam. Klärt alle Möglichkeiten und Fakten im Hinblick auf unseren verstorbenen Spender! Vor allem auf den Verdacht von Organhandel!“
Der Leutnant war zufrieden. Seine Einschätzung zu dem Toten am Seebenstein schien richtig zu sein. Vielleicht könnte seine SOKO den Fall von Klagenfurt aus klären. Die Leiche aus Seebenstein sollte ja für immer verschwinden. Es wurde nur durch einen Zufall verhindert. Ist doch klar, dass man sie, so weit wie möglich vom Tatort entfernt, entsorgen möchte.
Die Beamten des LKA – Kärnten waren sehr erstaunt über ein Hilfsangebot aus Niederösterreich, um das man nie gebeten hatte. Es gab bei ihnen keinen Fall von Organhandel.
Hauptmann Josef Leitner hatte noch nie von einer Sonderkommission – Organhandel gehört.
„Wir haben sie aus gegebenen Anlass wegen eines Vorfalls in Niederösterreich gegründet. Wir haben hier für sie Kopien der Protokolle!“ Inspektor Koller übergab die Dokumente.
Sein Partner Inspektor Fiedler verhielt sich ruhig. Er fand, dass alle Referatsleiter seltsam waren. Diese unverhohlene Arroganz. Das war nicht nur bei diesem Hauptmann zu spüren. Nicht jeder ist zu einem führenden Beamten berufen.
Er – Fiedler, würde es ganz anders machen. Kollegialität ist doch wichtig. Man sollte seine Mitarbeiter ermutigen, ja aufbauen. Er hatte große Aufstiegspläne. Sein Vorbild war Leutnant Matzinger. Der wusste was er wollte und drückte es durch. Er hatte Humor, wenn manchmal auch etwas makaber. Doch wer ihn gut kannte… Da musste er an die Auseinandersetzung mit Matzingers Partner Gattermeier denken. Dieser Mann hatte den Spaß ganz offensichtlich in die falsche Kehle bekommen. So etwas kommt schon mal vor.
An den Protokollen war auch Leitner interessiert. Die beiden Inspektoren aus St. Pölten wirkten jung und unerfahren. War man dabei, sie zu verheizen? Der Hauptmann war schon lange genug im Dienst, um zu erkennen, dass die Beiden sehr unsicher waren.
Leitner überflog die Protokolle und stellte fest, dass es für ihn keine Ursache für einen Tatbestand, „Internationalen Organhandel“, gab.
„Interpol hat hier doch ganz eindeutig festgestellt, dass es keinen Verdacht auf diesen Handel in Österreich gibt. Was Sie meine Herren haben, ist ein Mord durch eine verunglückte Nierenentnahme. Alles was Sie herausfinden müssen ist: Für wen war sie bestimmt!
Ich denke der Täter ist im Umfeld des Toten zu suchen. Finden Sie den Kranken, für den sie bestimmt war und finden Sie einen Chirurgen, der ihn kennt und in der Lage ist, so eine Operation vorzunehmen. Was um Himmelswillen suchen Sie bei uns in Kärnten!“
„Wir sind hier, weil wir Nachricht von so einem Kranken haben, der wegen einer versprochenen, aber nicht angekommenen Niere verstorben ist!“ verkündete Koller eifrig.
„Es könnte doch einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen geben. Jedenfalls ist es nicht auszuschließen!“ warf Fiedler ein, um einer hochnäsigen Bemerkung seitens des Hauptmannes zuvorzukommen.
Josef Leitner griff zu Telefon: „Können Sie bitte herausfinden ob es eine Anzeige wegen eines Todesfalles im Zusammenhang mit einer nicht gelieferten Niere gibt?“
Er wandte sich an die beiden Besucher.
„Wir sind hier für Morde und ähnliche Aktivitäten zuständig. Todesfälle in Krankenhäusern gehören nicht zu unseren Aufgaben.
Es dauerte nur einige Minuten, dann kam die Antwort.
Josef Leitner lehnte sich in seinem Stuhl zurück und lächelte gequält.
Also – es gab diese Meldung.
„Na schön! Ich gebe Ihnen unseren Aspiranten Roman Schleger mit. Er ist ein sogenannter Spätberufener. In seinem Vorleben war er Taxifahrer. Er kennt sich hier aus wie in seiner Westentasche. Er kann Ihnen auch dienlich sein, falls Sie unseren Dialekt nicht verstehen sollten!“
Er hatte wieder dieses arrogante, süffisante Lächeln im Gesicht. Das war nicht der Humor, den Fiedler meinte!
Sie machten sich auf den Weg zu den Angehörigen des Verstorbenen.
Roman Schleger war ein netter, ruhiger Mann - so Mitte dreißig und wohnte in Klagenfurt.
„Wieso sind Sie in ihrem Alter noch Aspirant?“
Fiedler erntete einen bösen Blick von seinem Partner. Quasi: `Sowas fragt man nicht´.
Roman nahm es mit Humor.
„Das ist eine fast unglaubliche Geschichte gewesen. Es gab einen Taxiüberfall und die Polizei war nicht erfolgreich. Da der Überfallene mein Freund war, nahm ich gemeinsam mit ein paar anderen Kollegen die Verfolgung auf. Wir sind ja über Funk gut vernetzt. Wir fassten den Kerl und übergaben ihn der Polizei. Kaum 10 Minuten später kam über Funk die Nachricht, dass er der Streife wieder entwischt war. Wir Taxifahrer erwischten ihn wieder und übergaben ihn aufs Neue der Polizei. Diesmal legten sie ihm gleich die Handschellen an!“
„Was geschah dann weiter!“
„Das Geschehen hat mir so gut gefallen, dass ich beschloss Polizist zu werden!“
„Wirklich eine unglaubliche Geschichte!“
Inzwischen waren sie an ihren Ziel angekommen.
Es war ein Einfamilienhaus der gehobenen Klasse. Ein Dienstbote führte sie in eine Art Bibliothek.
Die Dame des Hauses hatte ihren Auftritt. Sie erschien.
Die Anrede der Beamten ernüchterte sie schnell.
„Sie hatten einen Todesfall, wir sprechen unser Bedauern aus!“
„Was will die Kriminalpolizei von uns? Der Tod ist doch geklärt. Das Begräbnis ist nächste Woche! Der Staatsanwalt ist eingeschaltet, denn wir klagen!“
„Woher sollte das Organ kommen und warum kam es nicht an?“
„Aber das war doch schon alles geklärt. Was soll denn das?“
„Nach unseren Informationen sollte die Niere aus Neuseeland kommen!“
„Das wirft die Frage auf wie Sie zu den Informationen kamen!“, staunte sie.
„Wir sind von der Sonderkommission Organhandel und untersuchen Umtriebe mit Organen!“
„Organhandel?“ Frau Nemec, die Lebensgefährtin des Verstorbenen sprang auf.
„Das ist doch eine riesen Dummheit. Die Niere stammt vom Bruder meines Lebensgefährten. Dieser lebt in Neuseeland. Die Niere kam per Flugzeug. Sie war schon unterwegs nach Klagenfurt. Dann mit dem Auto zu uns. Die Operation hatte schon begonnen, die Niere sollte nur noch aus dem Auto geholt werden…!“
Nun verlor sie die Fassung und begann heftig zu weinen.
Man versuchte sie zu trösten, um das Ende des Geschehens zu erfahren. Doch das war nicht mehr möglich. Sie lief in ihr Schlafzimmer und schloss sich ein.
Der Angestellte erzählte fertig: „Das Auto war unversperrt vor dem Spital gestanden und wurde gestohlen. Das geschah innerhalb von ein paar Minuten. Sie fanden den Täter bald aber für meinen Herren war es zu spät.
Er starb an einer Infektion, die er nach dem leicht verspäteten Eintreffen der Niere erlitt!“
Es war still im Raum. Man war von dem Gehörten erschüttert. Leise verabschiedeten sich die Beamten. Fast schämten sie sich.
Doch letzten Endes: Es hätte ja sein können.
Georg Hofreiter, der Computerspezialist des Kriminalamtes und in diesem Fall der Informant Feri Gattermeiers, krümmte sich fast vor Lachen. Leutnant Matzinger verbiss sich weiter in die falsche Fährte und mit ihm die ganze SOKO – Organhandel.

 

Es war ein nettes Häuschen. Ein wenig bieder mit den vielen Rosenstöcken im Vorgarten. Noch waren sie ja zurückgeschnitten. Man konnte die ersten zarten Triebe erkennen. Die Anzahl der glänzenden Rosenkugeln ließ erahnen, welch Paradies dieser Vorgarten im Sommer sein mochte.
Helga Schopp war eine resolute Mittfünfzigerin in Arbeitsklamotten.
Sie war eben dabei, neue Pflanzen in die Beete des hinteren Gemüsegartens zu setzen.
Sie wischte sich einfach die schmutzigen Hände an der Schürze ab. Sie wurden dadurch nicht sauberer, deshalb verzichteten die Beamten auf einen Händedruck.
„Wir kommen wegen eines Ferenz Wadosch. Kennen Sie den?“, eröffnete Gattermeier das Gespräch.
Helgas vormals neugieriger Blick beim Anblick der Beamten, erlosch sofort. Er veränderte sich umgehend in hasserfüllt.
„Natürlich kenne ich den – doch ich habe schon lange nichts mehr mit ihm zu tun.“, sagte sie in verächtlichem Ton.
„Nun immerhin wohnt er in ihrem Haus!“, meinte Inspektor Pasching und erntete dafür einen strengen Blickverweis des Bezirksinspektors.
„Ich brauche dieses Haus nicht. Ich wohne hier im Haus meiner Mutter. Er hat das Haus eingerichtet und Iris hat es so gewollt. Sie sollte es einmal erben.
„Iris, das ist Ihre und des Ferenz Tochter?“
„Ja und sie blieb nach unserer Trennung bei ihrem Vater!“
„Man sagt, sie war plötzlich verschwunden. Wo lebt sie jetzt?“
„Sie ist verheiratet und lebt in Pitten, einem Nachbarort, nur einige Kilometer von hier.
„Wer ist denn da draußen?“ vernahm man die krächzende Stimme einer offensichtlich alten, aber neugierigen Frau aus dem Inneren des Hauses.
Das gab der überraschten Frau Schopp einen Augenblick Zeit, ihre Antwort zu überlegen.
„Was wissen die Polizisten über Ferenz!“, überlegte sie.
Laut sagte sie: „Das ist meine Mutter, sie ist 80 Jahre alt, etwas dement, liebt aber Besuch und das kommt bei uns eher selten vor! Gehen wir doch hinein. Ich muss mich entschuldigen. Wir haben nicht mit Besuch gerechnet und es ist etwas unordentlich, weil ich das schöne Wetter für die Frühlingsarbeit im Garten nützen muss!“
Sie hatte nicht übertrieben. In der Mitte des Raumes, der offensichtlich das Wohnzimmer darstellen sollte, thronte die alte Dame in einem Rollstuhl. Um sie herum lagen Zeitungen wild verstreut. Offensichtlich las sie diese und ließ sie einfach fallen.
Verlegen räumte Frau Schopp zwei Stühle von Kleidung frei, damit die Inspektoren sitzen konnten. Das Zimmer erschien wirklich unordentlich und das sicher nicht erst seit Kurzem. Noch dazu roch es etwas stickig. Fenster öffnen war scheinbar auch nicht die Stärke dieser Frau.
Helga schien die Gedanken der Beamten erraten zu haben, denn sie sagte entschuldigend: „Meine Mutter verträgt offene Fenster nicht um diese Jahreszeit, selbst wenn es draußen schön ist! Was wollten Sie von Ferenz. Er war mein Lebensgefährte, doch das ist schon 15 Jahre her.“
„Was wollen die Polizisten von Ferenz?“, wollte die alte Dame wissen.
„Ach ja darf ich vorstellen? Das ist meine Mutter Katharina Schopp!“
„Damit hatte sie sich wieder einen Augenblick für eine Antwort geschaffen!“, dachte Gattermeier.
Otto Wadosch saß nur mehr ruhig da, um keinen neuen Blickverweis zu bekommen. Es war doch klar, dass der Revierinspektor die Befragung durchführen wollte. Doch auch er erkannte: die Frau verhielt sich eigenartig.
„Wann hatten Sie den letzten Kontakt mit Ferenz Wadosch?“
Gattermeier war sich klar: Diese Frau wusste Bescheid.
„Warten Sie – das ist schon lange her! Eigentlich Jahre!“
Damit hatte sie nicht einmal sonderlich gelogen.
Da kam die Bemerkung von Katharina Schopp, die Gattermeier die weitere Richtung seiner Befragung vorgab.
„Geht es um deine Tochter, diese Hure?“, krächzte sie.
„Mutter – sei still. Deswegen sind die Polizisten nicht hier!“
„Sollten sie aber. Inzest ist ein Verbrechen! Du bist schuld daran!“
„Mutter! Schweig!“ Helga Schopp war außer sich. Otto Pasching konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, dass sie ihre Mutter schlug. Er musste die aufgebrachte Frau in den Stuhl drücken und festhalten. Katharina Schopp war nicht mehr aufzuhalten. Jahrzehntelang unterdrückte Wut brach heraus.
„Du willst mich schlagen? Du hast doch gewusst, dass er es mit Kindern getrieben hat! Du hast ihm deine Tochter in den Rachen geworfen!“
„Aber sie hat ihn doch geliebt und wollte bei ihm bleiben!“
Helga Schopp erlitt eine Art Nervenzusammenbruch.
„Sie hat ihn geliebt, ihn geliebt. Ich konnte nichts dagegen tun!“, wimmerte sie.
„Du bist doch die gleiche Hure. Du Drecksau hast ihm das Kind untergeschoben!“, Frau Schopp war nicht mehr zu halten. Sie war nahe an einem Herzinfarkt. Otto rief inzwischen den Rettungsnotruf, denn beide Frauen waren nahe am Kollabieren.
„Als die Iris schwanger war, hat er sie verstoßen. Du hast nichts dagegen unternommen!“
„Halt doch dein Maul! Du weißt doch wie die Iris war! Sie hat sich von niemandem dreinreden lassen.“
Nun war sie tatsächlich der Ohnmacht nahe.
„Die Ohnmacht ist nur gespielt!“, kreischte die alte Frau völlig hysterisch und wollte ihre Tochter mit dem Krückstock schlagen. Das konnte Otto Pasching gerade noch verhindern.
„Verdammt beruhigt euch jetzt!“, brüllte Inspektor Gattermeier plötzlich los. Er dachte ein kleiner Schock würde die Spannung etwas lösen.
Er stand hier offensichtlich vor der Lösung des Falles. Katharina Schopp verstummte tatsächlich vor Schreck und Helga nahm schluchzend die Hände vor das Gesicht.
Katharina wandte sich nun ab und wollte mit den Polizisten nichts mehr zu tun haben. Sie brabbelte vor sich hin und war offensichtlich weggetreten. Sie schien zufrieden. Sie hatte ihre aufgestaute Wut losgelassen.
Der eben erschienene Notarzt gab beiden eine Beruhigungsspritze und verließ sie wieder.
Im weiteren Verlauf konnte Gattermeier aus den Beiden nichts mehr herausholen. Sie hatten sich tatsächlich beruhigt und Helga bat die Beamten zu gehen.
Das taten sie auch.
„Wir sind auf der richtigen Spur“, meinte Feri zufrieden.
„Es ist wie ich dachte, eine Familientragödie. Der operierende Arzt musste das Opfer gut gekannt haben. Doch morgen ist auch noch ein Tag. Wir sind der Lösung sehr nahe.“ Es war inzwischen finster geworden und sie fuhren nach Hause. Hoch oben blickte die hell erleuchtet Burg ins Tal. Wie schon gesagt war sie auch in der Nacht überall zu sehen. Was dem Revierinspektor völlig egal war. Seine Gedanken rotierten.

 

Klagenfurt ergab keinen Zusammenhang mit dem ermordeten Ferenz Wadosch.
Die SOKO – Organhandel war ein Fehlschlag. Es gab keine Hinweise auf einen Organhandel in Österreich.
Oberstleutnant Matthias Kreithner blätterte missmutig in den Akten, die ihm Leutnant Matzinger vorgelegt hatte.
„Ich stelle fest: Viel Lärm um nichts!“, begann er. „Wie denken Sie, werden Sie mit dem Fall weiter machen?“
Friedhelm Matzinger studierte finster seine Fingernägel, um dem Oberst nicht in die Augen sehen zu müssen.
„Vermutlich werden wir von einer anderen Tatmotivation ausgehen. Es könnte sich um eine chirurgische Übung eines gewissenlosen Wahnsinnigen gehandelt haben. Wir werden uns im Umfeld von werdenden Chirurgen umhören müssen. Möglicherweise ist der Täter doch mit der Lokalität bekannt. Das Indiz dafür wäre der Brunnen und die seltsame Zufahrt über den Forstweg!“
Der Oberstleutnant nickte mit dem Kopf.
„Ihr habt viel Zeit verloren. Suchen Sie nach dem geländegängigen Fahrzeug im Umkreis dieser Gegend. Vielleicht werden Sie auf diese Weise fündig. Ihr bisheriges Vorgehen hat Sie nicht berühmt gemacht!“
Mit hängenden Schultern verließ der Leutnant das Büro seines Chefs.
Doch dann straffte sich seine Haltung. Forschen Schrittes betrat er sein Büro. „Leute, wir ändern den Fokus. Wir suchen einen SUV aber einen mit großer Radfreiheit und das in der Umgebung Wiener Neustadt, Neunkirchen. Vielleicht im Zusammenhang mit einem werdenden Arzt oder überhaupt ärztlichem Zusammenhang. Vielleicht Student oder so.
Die SOKO – Organhandel wurde aufgelöst.
 

Otto und Feri waren auf dem Weg nach Pitten, einer Nachbargemeinde von Seebenstein. Dort sollte Iris, die Tochter von Ferenz Wadosch und der Helga Schopp, mit ihrem Gatten wohnen.
Auch hier schwärmte Otto Pasching von der wundervollen Gegend.
„Was für Seebenstein die Burg ist, ist für Pitten das Bergschloss. Es blickt ebenso würdevoll über das Pittental. Es ist zugegeben noch toller als Seebenstein, weil sich an dem Schlossberg angeschmiegt nicht nur die barocke Felsenkirche befindet, sondern auch die Häuser herum wie an den Berg geklebt aussehen. Es wirkt wie die an den Uferfelsen gebauten Häuser Griechenlands. Auch die Farben und Art der Häuser sind ähnlich.
Die Zufahrt dazu war relativ steil und zu dem Haus der Iris Kaindl gelangte man über eine längere Stiege. Es hatte hier wirklich ein südliches Flair.
Otto war kaum zu bremsen:
„Du solltest erst mal sehen, welche Aussicht man von den Zinnen der Kirchhofmauer hat.
Man überblickt den Schneeberg, die Rax, die Hohe Wand, den Semmering und den Hochwechsel.“
Feri Gattermeier schnaufte die Stiegen hinauf. Otto nervte mit seiner übertriebenen Begeisterung. Was interessierten ihn denn die Ortschaften. Er hatte einen Fall zu lösen, um endlich wieder in St. Pölten landen zu können. Diese Landeshauptstadt war sein höchstes Begehr.
Er blickte aufatmend bergab. Da stockte sein Atem und er begann fast zu hyperventilieren. Er griff sich ans Herz und zeigte nach unten. Otto folgte verwundert seinem ausgestreckten Arm, da erkannte er den Grund für Feris Aufregung. Am Fuße des Berges war ein Parkplatz. Da stand ein sogenannter SUV, ein Geländefahrzeug.
„Das ist doch kein Zufall!“, keuchte Gattermeier noch ganz außer Atem.
„Ich bitte sie – heutzutage hat doch jeder zweite einen SUV. Die sind gerade modern!“, warf Otto Pasching ein.
Er hatte seinen Revierinspektor noch nie so aufgeregt gesehen.
„Dies ist nicht nur ein SUV. Das ist ein Landrover Defender. Mit so einem Fahrzeug ist es möglich den felsigen Pfad zu dem Brunnen zu erklimmen!“, erklärte Feri begeistert.
„Sprechen wir doch erstmal mit dieser Iris Kaindl. Dann wissen wir es ganz genau.“, versuchte Otto seinen Partner zu beruhigen.
Nun war Gattermeier nicht mehr zu halten. Er stürmte die Stiegen hinauf, die ihm eben noch zu schaffen machten.
Frau Kaindl sah sie heranstürmen und öffnete die Tür. Sie hatte die Polizei schon erwartet. Ihre Mutter hatte sie informiert, was in Seebenstein vorgefallen war.
„Ich versuche es kurz zu machen!“, sagte Gattermeier forsch. Er hatte noch ein wenig mit seinem Atem zu kämpfen.
„Was wissen Sie über den Tod Ihres Vaters?“
Iris sank zusammen wie ein Häuflein Elend und schwieg.
„Helfen Sie uns doch, dieses entsetzliche Verbrechen aufzuklären!“
Er versuchte es auf die sanfte Tour.
Es meldete sich ihr Handy.
„So gehen Sie doch ran!“, ermunterte sie Gattermeier.
„Es ist mein Mann. Er ist jeden Moment hier. Er soll mit Ihnen sprechen!“
Sie wirkte jetzt völlig apathisch. Mit dieser Frau war im Moment kein Gespräch möglich.
Otto blickte sich um. Es war ein gepflegtes Daheim. Ganz anders als bei ihrer Mutter. Da sah er an der Wand Diplome hängen.
„Sehen Sie doch mal!“, machte er den Revierinspektor aufmerksam.
Dieser sprang auf und betrachtet die Dokumente.
„Ihr Mann ist Arzt?“ Das Bild in seinem Kopf schien komplett.
„In Pension. Er war Chirurg im Wiener AKH (Allgemeines Krankenhaus)“
Das Herz Feri Gattermeiers erbebte. St. Pölten kann kommen!
„Hat er die Niere entnommen?“
Es kam keine Reaktion von Iris.
„Sind Sie sicher, dass ihr Mann hier erscheinen wird?“
Otto hatte den Verdacht, dass dieser womöglich auf der Flucht sein könnte. Auch Inspektor Gattermeier dachte schon an diese Möglichkeit. Vielleicht war es ein Fehler, das LKA nicht einzubinden. Was wäre, wenn der Täter ihnen im letzten Moment, wegen seines Ehrgeizes, durch die Lappen ginge. Dann wohl ade - St. Pölten.
Gattermeier erschauderte - er wurde unruhig. Er rief seinen Postenkommandant an und erklärte ihm die Sachlage. Dieser beruhigte ihn.
„Nun haben wir uns schon so weit hinausgelehnt – jetzt werden wir im letzten Moment nicht aufgeben. Ich gebe sicherheitshalber eine Fahndung nach Gustav Kaindl hinaus. Bringen Sie das zu Ende!“
Iris war wieder zum Leben erwacht.
„Ich werde Ihnen einen Kaffee machen. Sie können beruhigt warten. Ich bin mir sicher er kommt. Er weiß nicht, dass Sie hier auf ihn warten!“
Als sich Iris erhob erkannten sie, dass sie hochschwanger war.
„Ein Nachzügler!“, konnte sich Otto nicht verkneifen angesichts des fortgeschrittenen Alters der Eltern.
„Sie glauben doch nicht im Ernst, dass mein Mann seinem Schwiegervater die Niere entnahm!“, sagte sie mit der dampfenden Kanne in der Hand.
Iris hatte noch die Gelegenheit den Kaffee und Kuchen zu servieren, bis Herr Gustav Kaindl eintraf.
Er wirkte wie ein gemütlicher Mittfünfziger, doch seine weißen Haare und die Tatsache, dass er in Pension war, wiesen auf sein wahres Alter hin.
Er war ziemlich überrascht als er die Beamten sah.
„Polizei? In unserem Haus?“
Er sah prüfend auf seine Frau. Was mochte sie den Beiden gesagt haben.
Diese reagierte völlig gelassen, im krassen Gegensatz zu ihrem vorhergehenden Zusammenbruch.
„Es geht um Ferenz – er ist tot!“, erklärte sie ruhig.
„Ferenz tot? So alt ist er ja noch gar nicht!“, kam die erstaunte Ansage des Gustav Kaindl.
Nun war dem Gattermeier klar, dass es hier nicht einfach ein Geständnis geben würde. Für ihn war sonnenklar, dass er hier den Täter vor sich hatte. Der gleichen Meinung war auch Pasching.
„Jetzt tun Sie doch nicht so unschuldig. Sie waren es doch, der ihn getötet hat. Das werden wir Ihnen beweisen! Es ist besser wenn Sie ein Geständnis ablegen. Erleichtern Sie ihr Gewissen!“
Gattermeier sprach sehr eindringlich. Er wollte die Sache hier zu Ende bringen.
„Wo waren sie Donnerstag um 4 Uhr früh?“, mischte sich Pasching ein.
„Zuhause im Bett. Meine Frau wird das bestätigen können!“
„Reden Sie doch keinen Unsinn! Sie wissen, dass dieses Alibi nichts wert ist!“, polterte Gattermeier.
„Ihre Frau ist schwanger, was denken Sie wie lange sie einem scharfen Verhör standhalten wird!“, versuchte es Pasching.
„Sie dürfen sie nicht verhören und außerdem kann sie die Aussage verweigern!“
„Ich verstehe! Aber wenn sie die Aussage verweigert, kann sie auch ihr Alibi nicht bestätigen!“, drängte Gattermeier nach.
Gustay Kaindl wankte. Gattermeier war klar, dass er nicht mehr lange standhalten würde.
„Geben Sie das Lügen auf. Sie wurden gesehen und auch ihr Geländefahrzeug wurde gesehen. Außerdem wird der Hund Sie erkennen!“
Das war nun auch gelogen, aber für ein schuldbeladenes Wesen mussten diese Ansagen wie Hammerschläge wirken.
Pasching legte noch ein Schäufelchen nach:
„Ihr Landrover steht hier unten auf dem Parkplatz. Wir können Ihnen versichern, dass wir auf jeden Fall etwas finden werden. Schmutzpartikel von der Auffahrt über den Forstweg zum Beispiel. Auch wenn Sie den Wagen noch so gut geputzt haben. Unsere Forensik - Leute finden immer etwas. Man kann eine Leiche nicht über so eine Holperstrecke transportieren, ohne dass minimale Spuren bleiben!“
„Wir werden auch herausfinden für wen die Niere bestimmt war, die man dann offensichtlich nicht brauchte!“, setzte Gattermeier einen drauf.
Gustav Kaindl zucke bei jedem dieser Worte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er erkannte, dass Leugnen sinnlos war.
Iris saß da und schluchzte.
Gattermeier erkannte: Der Mann war nun so weit. Er nahm das weitere Gespräch mit dem Handy auf.
Gustav hatte nun traurige Augen und wirkte gebrochen, was Angesichts des ihm vorgeworfenen Verbrechens kein Wunder war.
Die beiden Polizisten warteten und ließen ihn reden.
„Ich glaubte, keine Wahl zu haben“, gab er zu Protokoll. „Mein einziger Sohn, den ich über alles liebe, brauchte eine Nierentransplantation – und das dringend! Ich war bereit, ihm meine Niere zu spenden. Da begann das Verhängnis. Ich konnte sie nicht spenden, weil sie nicht passte. Dabei stellte sich heraus, dass ich gar nicht der Vater war.
Ich stellte ich meine Frau natürlich zur Rede.
Da sie schwanger ist, kam sie als Spenderin nicht in Frage.
Nach einem fast einstündigen Verhör gestand sie unter Tränen, dass sie von ihrem Vater vergewaltigt wurde und mein Schwiegervater der wirkliche Vater meines geliebten Sohnes ist.
Ungeachtet all des Hasses und der schrecklichen Gedanken, die ständig meine Seele marterten, wäre ich bereit gewesen ihm zu vergeben, wenn er eine seiner Nieren seinem – meinem - unserem Sohn opfern würde.
Doch dessen Erschütterung galt nicht seinem kranken Sohn. Er war nur entsetzt, dass sein Vergehen aufgekommen war. Er machte sich um seine Zukunft Sorgen. Zu einer Transplantation war er nicht bereit!“
Gustav bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen, als könnte er sich dahinter verstecken. Ihm graute vor sich selbst.
„Ich konnte es nicht glauben. Zuerst war ich fassungslos und verließ ihn wortlos.
Ich sah keinen Ausweg. Während ich nach Hause fuhr, reifte der Plan. Meine menschlichen Gefühle hatten ausgesetzt. Ich wollte nur noch meinen – seinen Sohn retten. Um jeden Preis.
Ein Vater, der seine Tochter vergewaltigt und sie seinen Sohn aufziehen ließ, war schlimm genug. Dass er dann nicht bereit war, diesem das Leben zu retten, war für mich unverständlich. Er hatte für mich kein Recht weiter zu leben.
Also holte ich mein Chirurgenbesteck aus dem Keller und das Weitere kennen sie!“
„Aber warum haben Sie die Niere dann nicht genommen, sondern ihm zwischen die Beine gelegt?“
„Tja! Ein Unglück kommt selten allein! Meine Frau ahnte, was ich vorhatte und rief ihre Mutter an. Während ich noch an der Niere meines Schwiegervaters schnippelte, kam deren SMS. Meine Frau war nicht die Tochter dieses Mannes. Sie war das Ergebnis eines Seitensprunges. Iris Kind war ebenso das Ergebnis eines
One-Night-Stands. Ferenz war nicht der Vater. Genauso wenig wie ich.
Er wusste das offensichtlich und war deshalb nicht bereit, seine Niere zu spenden.
Woher sollte ich das wissen? Es ist sinnlos gewesen, ihm die Niere zu entnehmen. Dennoch! Ich war so zornig und fühlte mich im Recht. Jetzt erst wurde mir klar, dass ich zum Mörder geworden war und Ferenz zu Unrecht getötet hatte. Ich hätte ihn überleben lassen können, indem ich nur eine Niere genommen und ihn wieder zusammengeflickt hätte. Er könnte auch nach dieser Entnahme mit einer Niere leben. In meiner Wut habe ich nur an die Niere gedacht. Sein Leben war mir egal! Die Reue und Einsicht kamen zu spät.
Allerdings! Nach dem, was meine Frau über ihn erzählt hat, war sein Tod, so im Nachhinein gesehen, nicht unverdient.
Dazu kam: Mein Sohn war inzwischen verstorben. Alles umsonst!“
Es war still in dem Raum und man wagte kaum zu atmen. Was für eine Tragödie.
Die Verhaftung nahmen die Schwarzauer Beamten vor.
Es war ruhig im Wagen der Beiden, als sie auf dem Rückweg waren.
Otto versuchte die Stimmung aufzulockern, indem er von einer weiteren Sehenswürdigkeit in Pitten erzählte:
„Der Rosengarten vor dem Pfarrhof mit über 2.500 Rosen stellt das zweitgrößte Rosarium Niederösterreichs dar.“
Gattermeier reagierte nicht. Er war schon in Gedanken im Gespräch mit Oberstleutnant Kreithner und wie dieser reagieren würde. Nämlich auf Feris Bitte, wieder in den Kriminaldienst zu wechseln.
„Das jährlich im Juni stattfindende Rosenfest ist wahrlich ein Fest für Rosenliebhaber!“, setzte Otto Pasching fort, nachdem sich Feri nicht rührte.
„Es gibt auch noch den Historienpfad „Zeitsprünge 4000“. Er verbindet in einer geschichtlichen Zeitreise bedeutende archäologischen Funde bei einem gemütlichen Ortsspaziergang. Es gab hier nämlich auch noch Erz abzubauen!“
„Wenn Sie jetzt nicht aufhören gehen Sie zu Fuß nach Hause. Ist das klar?“
Otto schwieg beleidigt. Aber er hatte zumindest all sein Wissen über seine Heimat kundgegeben.

 

Oberstleutnant Kreithner sah sinnend auf die beiden Kontrahenten, welche, ohne einander zu beachten, vor ihm saßen.
Nach einer längeren, für die Beiden fast unerträglichen Pause, sagte er ganz langsam und bedächtig.
„Was mache ich nun. Da sitzen zwei meiner besten Männer und sind unbrauchbar, weil sie einander nicht vertragen!
Als Partner wart ihr unschlagbar - aber jetzt?
Sie, Matzinger, werfen das Geld der Steuerzahler beim Fenster hinaus, um einer falschen Spur nachzujagen. Sie, Gattermeier, hätten es verhindern können, sind aber vom Ehrgeiz getrieben, illegal und ohne Rückmeldungen, ihrer Idee nachgelaufen und haben noch andere Beamte in ihr Intrigenspiel mitgenommen. Es ist euch doch klar, dass dafür eine harte Strafe notwendig ist! Oder?!“
Jetzt blickten sich Matzinger und Gattermeier erstmals bestürzt an. Sie sahen nicht das hintergründige Lächeln ihres Chefs.
Er ließ die beiden noch ein wenig schwitzen. Dann sagte er laut und im Befehlston: „Zur Strafe werdet ihr in Zukunft wieder als Partner arbeiten, wobei ich den Leutnant Gattermeier zum Leiter der Abteilung ernenne. Das, lieber Matzinger, weil ihre Häme zu eurer Auseinandersetzung geführt hat. Im Übrigen! Gattermeier! Ihre Berufung zum Leutnant wurde zur selben Zeit ausgesprochen wie die des Matzinger, kam aber aus irgendeinem Grund um zwei Tage später an!“
Dann verließ er schnell das Büro, weil sie seine Rührung nicht sehen sollten.
Dadurch sah er nicht, wie sich zwei Exfreunde in den Armen lagen.

Otto Pikal                              2020

 

Der Treppenmord

Ich habe es geschafft. Endlich ist es so weit. Wie lange habe ich versucht meine Frau zu überreden eine Lebensversicherung abzuschließen. Sie hatte sich immer geziert. Doch nun plötzlich war der Vorschlag von ihr selbst gekommen. Allerdings unter der Voraussetzung, daß wie beide eine Versicherung abschließen. Gut....soll sie haben. Sie wird nicht lange genug leben, um von ihr zu profitieren.

In vielen wachen Nächten habe ich mir ausgemalt, wie ich sie loswerden  und dabei noch Geld herausschlagen könnte. Es ist unbedingt notwendig meine finanzielle Lage zu verbessern. Die Raten für das Haus sind überfällig und außerdem habe ich Spielschulden bei sehr unangenehmen Leuten. Wenn ich nicht bald bezahlen würde, könnte das für mich ein erhebliches  Gesundheitsrisiko darstellen.

Diese Leute fackelten nicht lange. Dem Uwe hatten sie beide Beine und die Nase gebrochen. Ja – es müsste bald geschehen. Die Zeit des letzen Aufschubes kommt bedrohlich näher. Für eine kurze Zeit konnte ich meine Gläubiger aus der Unterwelt noch vertrösten.

Aber nun gibt es eine Lösung. Ich werde meine verhasste Frau loswerden und dabei genug Geld erhalten, um meine Schulden zu bezahlen. Renate hatte durch Kinderlähmung einen Fuß kürzer und einen leicht verzogenen Mundwinkel. Aber sie war ein Kind aus reichem Hause und die Aussicht auf eine hohe Mitgift hatte mich alles Andere ignorieren lassen. Aber meine Rechnung ging nicht auf.

Renates Vater hatte mich nie gemocht. Aber dass er seine Tochter enterbt hatte und Renate mir das verschwieg, war eine Sauerei.

Für Renate war es die große Liebe und Geld war ihr nicht wichtig – diese Wahnsinnige. Ich habe sie des Geldes wegen geheiratet und war um die Mitgift betrogen worden. Wer heiratet schon eine Behinderte, noch dazu wenn sie arm ist. Ihr Vater hätte mir dankbar sein sollen, dass ich sie nahm. Er hätte mich fürstlich entlohnen müssen. Stattdessen hat er jede Unterstützung verweigert.

Das Geld, welches sie in die Ehe mitbrachte, war nach einigen Monaten verspielt. Lächerliche Beträge, wenn man bedenkt auf welchen Besitztümern der Alte sitzt. Ich bin eben ein Spieler. Mal gewinne ich, mal verliere ich. Ich konnte doch nicht wissen, daß plötzlich kein Geld mehr da war. Alles war schief gelaufen.

Es war eben eine Pechsträhne. Ein bisschen mehr Geld und ich hätte alles zurückgewonnen. Ich habe doch nur soviel riskiert, weil ich dachte es gebe noch Nachschub aber das verdammte Weib war plötzlich pleite. Nun stehe ich da mit einem verpfändeten Haus, mit Spielschulden in der Unterwelt und einer Frau, vor der ich mich ekle, die mich aber liebt und Zärtlichkeiten von mir erwartet.

Solange sie mir immer wieder Geld geben konnte, verstellte ich mich so gut es ging, aber das war lange schon vorbei. Ich konnte dem Krach und dem Ekel nur durch die Flucht entgehen. Aber das nächtelange Ausbleiben kostete auch Geld und trieb mich immer wieder an die illegalen Spieltische. Es war völlig klar. Renate muss sterben und ich würde die Versicherungsprämie kassieren.

Es war schon lange alles geplant. Nur die Lebensversicherung hatte noch gefehlt. Aber nun ist es so weit. Welches Gefühl der Befreiung!

Ich hatte in letzter Zeit viel in meinem alten Elternhaus ausgebaut. Unter Anderem den Keller mit einer Zentralheizung und einer Waschküche. Der Zugang zum Keller erfolgt über eine steile Holztreppe. Renate ärgerte sich immer wieder über diese Treppe, denn sie kann sie mit ihrem Hinkebein und dem Waschkorb nur mit großer Mühe schaffen. Aber das gehört zu meinem Plan.

Es war eine sehr einfache Holztreppe und die Trittbretter waren nur mit einem Falz eingeschoben und konnten daher jederzeit ausgewechselt werden. Ich  hatte vorsorglich ein Ersatztrittbrett gemacht.

Der Plan ist perfekt. Sie hat heute ihren Waschtag. Ich habe ein Trittbrett von unten angeschnitten, so dass man es nicht sehen kann. Wenn sie mit dem Wäschekorb die Treppe hinuntersteigt, kann sie sich nicht anhalten und wird stürzen.

 

Falls sie sich doch nicht den Hals brechen sollte, kann man ja ein wenig nachhelfen. Niemand wird Verdacht schöpfen, wenn ich das Trittbrett austausche und das Angeschnittene in den Ofen werfe.

Eigentlich müsste es schon passiert sein. Ich werde anrufen. Ich werde ja sehen, ob sie ans Telefon geht. .............

Es hebt niemand ab. Sie sollte im Haus sein. Das kann nur bedeuten...........es ist passiert. Meine Güte – es hat funktioniert. Ich  will es genau wissen. Ich muss nach hause - nachsehen.

Ha – sie hat mir einen Zettel geschrieben.

„Die Heizung ist ausgefallen. Sei bitte so lieb und sehe im Keller nach was los ist. In Liebe Renate“

Ja, liebe Renate – ich werde gleich nachsehen, was im Keller los ist. Ich hoffe Du bist los.

Renate... Liebling! Wo bist du? Na sowas - die Kellertür ist offen. Sieh mal einer an. Das Trittbrett ist gebrochen – soviel kann man sehen.

Tatsächlich – sie liegt unten und rührt sich nicht.

Ich muss runter und dafür sorgen, dass sie auch wirklich tot ist.

Ja, vorsichtig über das gebrochene Trittbrett steigen.

Oh Gott -- das zweite Brett gibt auch nach. -- hilfe! --  ich falle! -- verdammtes Weib! -- sie hat auch eine Stufe  angeschnitten! – ahhhhhhhh -- !!!

 

„Es war ein Doppelmord“ sagte der Kommisar nachdenklich. „Der Mörder wollte auf Nummer sicher gehen. Er hat gleich zwei Trittbretter angeschnitten.“

 

 

Hallo Taxi

 Er kam mir schon von Anfang an verdächtig vor. Als Taxilenker bekommt man ein Gefühl für seine Fahrgäste. Mit der Zeit wächst auch die Menschenkenntnis.
Erstes Merkmal: ständig ruhelose, fahrige Bewegungen und unstete, nervöse Blicke.
Zweites Merkmal: kein klares Fahrziel, herumstottern ohne betrunken zu sein. Stimme seltsam verzerrt.
Drittes Merkmal: Erscheinungsbild; abgewirtschaftet, Verlierertyp, schlampig bekleidet.
Alles in Allem: wenig vertrauenswürdig.
Also ein Fall bei dem ich normalerweise bedauernd erkläre:
„Tut mir leid ich habe eben eine Funkfuhre bekommen, nehmen sie doch bitte das nächste Taxi“.
Soll sich doch ein anderer Kollege mit ihm ärgern.
Erstes Problem: Kein anderer Kollege da, der mich entlasten könnte.
Zweitens: Ich wartete bisher bereits drei Stunden vergeblich auf einen Fahrgast.
Drittens: Aus der Aufschrift auf meinem Wagen ging eindeutig hervor, dass ich ohne Funk unterwegs war.
Viertens: Als erster, noch dazu als Einziger erster Wagen bin ich gesetzlich verpflichtet den Fahrgast zu befördern. Meine Beobachtungen reichen gesetzlich nicht aus um ihn abzulehnen.
Ich ließ den Fahrgast also trotz meines miesen Gefühls einsteigen.
Es wird schon nichts passieren. Ich werde einfach aufpassen.
„Wohin soll es gehen?“
„Richtung Kaltenleutgeben! Ich sag es ihnen dann schon!“
Sofort fühlte ich einen Stich in der Magengrube.
„Ich hätte gerne eine genaue Adresse“, wagte ich zu sagen.
„Ich war nur nachts da... keine sorge ich finde es schon“, war seine für mich sehr unbefriedigende Antwort.
Ich seufzte und fuhr schließlich los.
„Vielleicht ist er ja harmlos und ich mache mir zu viel Gedanken“, hoffte ich. Damals war ich noch nicht bewaffnet.
„Hier rechts ran!“, sagte er plötzlich. Ich erschauderte. Hier war kein Haus zu sehen. Dennoch verlangsamte ich mein Tempo irgendwie automatisch. Plötzlich fühlte ich ein Messer an meiner Kehle und der Alptraum wurde wahr.
„Du greifst jetzt schön langsam nach der Brieftasche und reichst sie mir mit den Fingerspitzen herüber“, raunte er mir ins Ohr und verstärkte den Druck an meiner Kehle. Meine Gedanken arbeiteten. Meine Wut über meine Blödheit und die Frechheit des Mannes mein schwerverdientes Geld zu rauben war größer als meine Angst.
„Mein Geld kriegst du nicht!“, beschloss ich. Allerdings hatte ich sowieso noch keinen Umsatz gemacht. Ich hatte bloß mein Wechselgeld im der Brieftasche. So gesehen wäre der Verlust nicht groß gewesen!
Dennoch... es ging um das Prinzip! Um die Frechheit.
Meine Gedanken wurden brutal unterbrochen.
„Ich warne dich! Gib die Brieftasche rüber oder ich schnitz dir ein Monogramm in deinen Hals!“
Im mir bäumte sich Widerstand auf; trotz der Warnung! Der Mann war nüchtern. Er würde keinen Mord begehen! Das war ein Verlierer; dessen war ich mir sicher.
Da kam mir eine Idee.
„Sei nicht blöd! Bei mir ist nichts zu holen. Ich habe nur das Wechselgeld. Dreihundert Schilling! Ich habe eine bessere Idee. Dabei können wir beide gewinnen!“, ächzte ich.
Ich gab ihm die Brieftasche nicht... pasta!
Nun wurde mir schon mulmig. Das Messer an meinem Hals begann mich zu verletzen. Das Gefühl war äußert unangenehm.
„Was heißt bessere Idee... ich stech’ dich ab! So einfach ist das!“, brüllte er jetzt verärgert. Aber neugierig war er doch!
„Wir könnten gemeinsam zwanzigtausend machen!“
Jetzt begann mich der Hals zu schmerzen und Panik macht sich bei mir breit. Wie lange würde er noch zudrücken?
„Was erzählst du da... zwanzigtausend?“
Der Druck des Messers an meiner Kehle wurde leichter. Ich atmete auf.
„Eine einsame Tankstelle! Drei Kilometer von hier. Ich habe dort gearbeitet. Ich wollte sie immer schon knacken. (Der Druck an meinem Hals wurde weniger)
„Soll das ein Scherz sein?“
Ich merkte, sein Ton wurde unsicherer. Würde er mir glauben?
„Allein bin ich zu feige... aber mit dir... ich als Fahrer und du als Räuber! Wir könnten den Tresor voll erwischen! Er wird erst morgen geleert. Allein in der Kasse sind um diese Zeit mindestens fünftausend Schilling... oder willst du lieber meine lächerlichen dreihundert?“
Ich merkte... er dachte nach. Er wurde unsicher! Die Hand mit dem Messer entfernte sich einige Zentimeter von meiner Kehle... Da packte ich mit beiden Händen zu! Mit einem Ruck zog ich die Hand mit dem Messer von meiner Kehle weg in Richtung Frontscheibe. Dreimal die Woche Gewichtstraining im Fitnesscenter machten sich jetzt bezahlt. Durch den Ruck und dem Überraschungseffekt wurde der verhinderte Taxiräuber aus seinem Sitz nach vorne geschleudert und zwischen den beiden Vordersitzen eingezwängt. Er ließ das Messer los. Sein Kopf war nun neben meinem Körper. Ich packte ihn in eine Art Schwitzkasten und schlug auf sein Gesicht ein. Ich dürfte gut getroffen haben denn sein Körper erschlaffte. Er schien KO zu sein.
Ich erschrak. Was nun? Mit der Polizei wollte ich nichts zu tun haben. Der Mann blutete stark also zog ich ihn aus dem Wagen und legte ihn auf den Straßenrand. Ich sah mich um, startete und fuhr los.
Doch nun meldete sich mein Gewissenswurm.
„Ich habe ihn doch hoffentlich nicht umgebracht!“, schossen mir die Gedanken durch den Kopf „Er braucht Hilfe!“
Ich raste an einer Telefonzelle vorbei.
„Das ist die Lösung!“, dachte ich. Ich wendete und rief über die Telefonzelle den Polizeinotruf an (damals gab es noch kein Handy).
Ich meldete einen Verletzten am Straßenrand und legte auf. Dem Räuber würde geholfen werden. Jetzt erst kam eine überschäumende Freude in mir auf. Ich hatte nicht nachgegeben. Ich fühlte mich als ob ich bei einer Olympiade gewonnen hätte.
Wie sagte schon Wilhelm Busch?
„Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!“
„Dieser Mann wird sich in Zukunft hüten einen Taxiüberfall zu wagen!
Dessen war ich mir sicher.

Die Euphorie legte sich bald, da ich anfing nachzudenken.
War es Mut oder Dummheit? Es war Zorn und im Zorn kann man nicht klar denken.
Ich hatte wegen lächerlichen dreihundert Schilling mein Leben auf das Spiel gesetzt. Die Sache hätte durchaus auch anders ausgehen können.
Dieser Mann tat mir nun plötzlich leid. Gut... ich hatte ihn nicht angezeigt. Das hielt ich mir zugute.
Dennoch.. ich hatte einem Verlierer nur eine weitere schmerzliche Niederlage erteilt.
Anderseits gebe ich zu bedenken dass im Laufe meiner Zeit im Taxigewerbe 15 Kollegen bei Taxiüberfällen ums Leben gekommen sind. Einige davon kannte ich persönlich.
Da bekommt meine Tat schon ein anderes Gewicht! Oder?

Otto Pikal                    2014