Das Opfer im Gartenhäuschen

Die Hütte brannte lichterloh. Sie stand sehr einsam an einem Schotterteich, umgeben von Bäumen und Sträuchern. Kaum jemand hätte den Brand bemerkt. Das Holz war trocken und der Rauch hielt sich in Grenzen. Die nächsten Ansiedlungen waren Kilometer entfernt. Sie wäre unbemerkt niedergebrannt – wenn da nicht Überlebende gewesen wären.
Ein völlig verstörtes 16 - jähriges Mädchen und ein etwa 30 – 35-jähriger Mann. Er gab an, hier übernachten zu wollen. Beide wussten angeblich nichts voneinander und wurden von der Explosion überrascht. Die Hütte bestand aus drei kleinen Räumen die jeweils einen eigenen Eingang hatten.
Beide standen in einer der Türen und wurden von der Druckwelle ins Freie geschleudert.
Dann war da noch ein jugendlicher Zeuge, der sich zur Zeit des Unglücks mit seinem Fahrrad am Rand des Grundstücks hinter der Hütte befand.

Als die Feuerwehr und die Polizei anrückten, waren nur mehr verkohlte Trümmer und völlig zerfetzte Überbleibsel zu finden

Nach den ersten Erhebungen, musste es eine Explosion gegeben haben. Trümmer, die nicht angebrannt waren, lagen überall meterweit von der abgebrannten Hütte entfernt, herum. 
Inspektor Kurt Thiemig war als Erster am Brandort. Es schien hier zunächst eine klare Sache zu sein. Das Mädchen, Christa Luksch, gab an, hier gezündelt zu haben. Sie wusste angeblich nicht, dass Gerhard Riegler, ein Obdachloser, durch die Seitentüre die Hütte betreten hatte. Dieser hatte angeblich Benzingeruch verspürt und war daher nicht völlig eingetreten.
Christa Luksch war die Tochter von dem Landesrat und Unternehmer Christian Luksch, der auch der Besitzer dieser Hütte war. Soweit war klar, dass er seine Tochter nicht anzeigen würde.

Anders sah es bei Gerhard Riegler aus.
Das Betreten des Grundstücks war verboten und wurde durch eine Umzäunung und durch eine Tafel angezeigt. Außerdem wusste man von ihm, dass er nach dem Verlust seines Hauses, dieses im Zorn angezündet hatte. Dafür saß er im Gefängnis. Er wurde vorerst als Verdächtiger, trotz des Geständnisses der Christa festgenommen.

„Warum habt ihr uns nicht früher verständigt“, wurde Christa gefragt.
„Es ging alles so schnell! Mit einer Explosion hatte ich nicht gerechnet. Mein Handy lag in der Hütte, ich musste bis zur nächsten Straße laufen. Ein vorbeifahrender Radfahrer ließ mich mit seinem Handy anrufen.“, war ihre Antwort.
Sie wollte nicht zugeben, dass sie das Abbrennen der Hütte irgendwie befriedigte, ja von ihr gewollt war. Auch wenn es anders kam als sie gedacht hatte.  Das Handy bekam sie von Horst, dem Radfahrer. Dieser hatte Probleme zu erklären, was er hier wollte.

Brandinspektor Gert Slavik kam heran: „Inspektor kann ich sie kurz unterbrechen?“ Er wirkte leicht verstört.
„Was ist los?“
„Wir haben eine Leiche?“
„Du lieber Himmel. Eine Leiche?“
„Ja vermutlich ein Mann, allerdings ist er bis zur Unkenntlichkeit verbrannt! Möglicherweise ist er schon vor dem Brand gestorben!“
Das änderte alles. Nun wurden auch Christa und Horst vorläufig festgenommen.
Es war nun eine Mordermittlung.
Gespräch mit Brandinspektor Gert Slavik:
„Die unmittelbare Brandursache war Gasaustritt und ein Funke, der die Explosion verursachte. Allerdings dürfte die Zündung nicht durch das Zündeln unter dem Bett des Nebenzimmers entstanden sein. Wir fanden heraus, dass der Explosionsfunke direkt in dem Raum mit dem Griller entstanden ist.

Das Feuer selbst entstand erst danach. Die Hütte war sehr zerstört, aber es hätte nicht alles abbrennen müssen, wenn die Feuerwehr schneller informiert worden wäre!“
„Das heißt, das Mädchen hat die Explosion nicht verursacht?“, fragte Inspektor Thiemig verblüfft.
„Ihr gelegter Brand hatte nicht richtig funktioniert, hätte aber das Gas auch irgendwann entzünden können. Das war aber nicht der Fall.“
„Kann es sein, dass man die Hütte absichtlich abbrennen lassen wollte?“, meinte Inspektor Glatzl, der inzwischen dazu gekommen war, nachdenklich.
„Wenn der Mörder unter den Dreien zu finden ist, würde das Sinn machen. Vielleicht sind sie alle mitschuldig. Schließlich kann der Brand alle Spuren verwischen! Das müssen sie herausfinden. Fakt ist, der Brand breitete sich nach der Explosion von dem mittleren Raum weiter aus!“

Gespräch mit Pathologen Gary Strobl:
„Der Verstorbene ist ein relativ junger Mann, so um die zwanzig, vielleicht auch jünger. Er ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Er wurde aus nächster Nähe erschossen. Vermutlich mit einem 9mm Bleigeschoß aus einem Revolver. Weder die Kugel, noch die Tatwaffe konnten gefunden werden.

Der Todeszeitpunkt kann auf Grund der schweren Verbrennungen nicht wirklich festgestellt werde. Er war jedenfalls vor dem Brand tot. DNA-Proben sind eingesandt. Die Ergebnisse stehen noch aus. Ebenso wie die der Gebissanalyse!“
„Erschossen? – Verdammt! Das sieht nicht nach unseren Verdächtigen aus!“, brummte Bezirksinspektor Heinrich Glatzl.
„Seien sie nur nicht voreilig. Auch Jugendliche können zu Waffen kommen. Ja und was wäre mit unserem obdachlosen Brandstifter?“, warf Kurt Thiemig ein.
Die ständigen Einwände seines neuen Partners nervten den Bezirksinspektor.
„Sieh mal – eine Meinungsänderung? Trauen sie den jungen Leuten doch einen Mord zu?“
„Den Jungen nicht, aber dem Obdachlosen!“
Heinrich Glatzl ärgertes es, dass er den Gedanken Thiemigs widersprach, obwohl er selbst schon daran dachte.
„Meinen sie ein Obdachloser läuft mit einem Revolver herum?“
Thiemig seufzte gequält.
„Solche Menschen sind doch oft gefährdet von ihren Mitmenschen angegriffen zu werden!“
„Ein quasi Kind zu erschießen! Was wäre das Motiv?“
„Das Notquartier? Vielleicht wollte man ihn mit Gewalt vertreiben und er hat sich gewehrt!“
„Dazu bräuchten wir die Identität des Ermordeten!“
Frau Staatsanwältin Eleonore Mayereder schüttelte den Kopf.
„Es ist doch seltsam; gleich drei Verdächtige. Vielleicht waren tatsächlich alle Drei daran beteiligt. Könnte ja sein. Wäre es möglich, dass sie uns verwirren wollen und sich so abgesprochen hatten?“
„Das Mädchen hatte ja gestanden, dass sie das Bett anzünden wollte!
Sie sagt aber nicht warum, wozu, weshalb!“, meinte Leutnant Friedhelm Matzinger, der bisher geschwiegen hatte.
„Das zu wissen wäre aber nicht unwichtig. Seien sie aber vorsichtig bei der Vernehmung des Mädchens. Der Landesrat Luksch ist eine einflussreiche Persönlichkeit! Er sollte bei der Vernehmung dabei sein!“, warnte die Staatsanwältin und wiegte mit dem Kopf „Was sagt sie denn dazu?“
„Gar nichts, da schweigt sie sich aus, vermutlich wird sie in der Gegenwart des Vaters noch weniger sagen! Laut Brandinspektor Gert Slavik hatte sie eine Kerze unter dem Bett angezündet.  Die Kerze wurde an einem Teller, gefüllt mit Benzin, angeklebt. Vermutlich dadurch entzündete sich Gas aus dem im Nebenraum stehenden Gasgrillofen. Die nachfolgende Explosion war so stark, dass das Mädchen, welches offensichtlich eben im Wegrennen war, hinausgeschleudert wurde.  Dieser Umstand rettete ihr das Leben. Das Mädchen wollte zwar Feuer legen, das könnte auch die Ursache der Explosion gewesen sein; aber wer hatte das Gas aufgedreht und damit eine Explosion riskiert. Wenn es gewollt war, um den Toten unkenntlich zu machen, da hätte es genügt, das Stroh, unter dem er begraben war, anzuzünden.“, erklärte Bezirksinspektor Heinrich Glatzl
„Was hatte dann bloß Gerhard Riegler dort zu tun? Klar – er hat sein Haus angezündet und war nach dem Gefängnisaufenthalt nun obdachlos! Doch diese Brandlegung damals, war ganz sicher seiner Verzweiflung geschuldet!“, war sich Eleonore Mayereder sicher. „Sie haben noch viel zu tun. Melden sie sich, wenn sie Ergebnisse vorlegen können!“

„Gerhard Riegler war möglicherweise nicht der Brandstifter.“, stimmte Leutnant Matzinger zu.
„Also was hatte er hier wirklich zu suchen? Selbst wenn er hier zur Not wohnen oder schlafen würde. Dann würde er doch keine Gasexplosion riskieren!“,
„Es hätte ohne sein Wissen oder Zutun passieren können!“, warf Inspektor Thiemig ein.
Sie waren auf dem Weg zum Vernehmungsraum, wo bereits Horst Thurner, der Radfahrer, wartete.
„Eine Fehlfunktion? Oder es könnte noch jemand involviert sein und bewusst den Grill manipuliert haben.“
„Vielleicht weil dieser Jemand nach dem Mord gestört wurde. Er wollte damit seine Spuren verwischen.“
„Das wäre möglicherweise Horst Thurner. Er war in der Nähe und will nicht angeben, warum er dort war!“
Leutnant Friedhelm Matzinger klopfte dem Bezirksinspektor Heinrich Glatzl jovial auf die Schulter.
„Dann nehmt ihn euch vor und holt es aus ihm heraus! Ich beneide euch nicht um diesen Fall!“
Damit machte er klar, dass Glatzl die Leitung dieser Ermittlungen hatte.
Inspektor Kurt Thiemig kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Dem traue ich eine solche Tat fast nicht zu. Dazu gehört eine große Portion krimineller Energie!“
„Sieh mal unser Kurt als Psychologe    das ist ja ganz was Neues“, spöttelte Bezirksinspektor Heinrich Glatzl, dem Kurt Thiemig als Partner zugeteilt worden war.
Inspektor Kurt Thiemig war neu im Präsidium, ehemaliger Verkehrspolizist, der sich durch Schulung weitergebildet hatte. Er war ein ruhiger verschlossener Typ und nahm die Sticheleien mit Gelassenheit zur Kenntnis.  Er hatte nach seiner Versetzung in den Kriminaldienst nichts anderes erwartet. Es würde eine Zeit dauern bis man ihn für voll nehmen würde. Heinrich Glatzl war nicht davon angetan, einen Anfänger zur Seite zu haben. Das ließ er Kurt immer wieder spüren.
„Ein Eifersuchtsdrama?“, meinte Leutnant Friedhelm Matzinger im Weggehen.
„Fragt sich wer auf wen eifersüchtig sein könnte!“
„Wir werden es herausfinden. Wie verhalten sich unsere Verdächtigen?“
Thiemig zuckte mit den Schultern:
„Das Mädchen heult nur vor sich hin und der Junge mit dem Fahrrad schweigt beharrlich, was er dort zu suchen hatte. Es war aber immerhin außerhalb der Umzäunung, das ist nicht verboten!“
„Verdächtig ist er trotzdem!“, beharrte Glatzl.
„Wir haben sie genug dunsten lassen. Holen wir uns zuerst den Radfahrer Horst.“
Vernehmung Horst Thurner 17 Jahre, Schüler.
Glatzl und Thiemig beobachteten Horst erstmal durch den Spiegel aus dem Nebenraum. Er wirkte unsicher und fahrig. Nervös fuhr er sich immer wieder durch die Haare.

„Den haben wir schnell klein!“, meinte Inspektor Thiemig.
„Sein Rechtsanwalt ist unterwegs!“ rief Leutnant Matzinger die Beiden aus dem Sekretariat an.
„Schade! Zum Kleinmachen wird es nicht kommen!“ seufzte Heinrich Glatzl.
Er sollte recht behalten.
„Was werfen sie meinem Klienten vor?“, begann der Anwalt
„Er war in der Nähe des Tatortes und erklärt uns nicht warum!“
„Wenn das alles ist, werden wir gehen. Er war auf einem Weg außerhalb des Grundstückes und ist zufällig vorbeigekommen. Reicht das?“
Der Bezirksinspektor winkte müde ab und der Anwalt rauschte mit Horst Thurner ab.
„Manchmal hasse ich diese Rechtsverdreher. Warum lassen sie uns nicht unsere Arbeit machen? Wir hätten ihn schon dazu gebracht zu sagen, was er da wollte!“
„Gemach, gemach…“, beruhigte Inspektor Glatzl seinen Partner etwas von oben herab.
„Wir werden uns als Nächstes den obdachlosen Brandstifter vornehmen!“
Vernehmung Gerhard Riegler, Obdachloser, vorbestraft wegen Brandstiftung:
„Herr Riegler! Was hatten sie bei der Hütte zu tun?“

„Ich sollte mich mit Herrn Luksch treffen. Er wollte mir einen Job anbieten!“
Thiemig und Glatzl sahen sich mit einem bedeutungsvollen Blick an.
„Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir ihnen abnehmen, dass ein Industrieller und Landesrat sie wegen einer solchen Sache in einer Hütte treffen will. Wer soll ihnen solchen Schwachsinn abnehmen? Er hätte sie, wenn schon, in sein Büro beordert!“
„Er hatte mir angeboten, für eine gewisse Zeit in der Hütte zu wohnen und ich sollte sie mir ansehen. Er kannte meine Probleme nach meiner Scheidung und er wusste auch von meiner Verzweiflungstat!“
„Trotz allem wollte er sie anstellen?“, zweifelte Thiemig.
„Er ist ein guter Mensch – er spielt nur immer den Wilden.“
‚Das bezweifle ich‘, dachte der Bezirksinspektor bei sich. Laut sagte er: „Haben sie irgendetwas Verdächtiges bemerkt als sie ankamen?“
„Nein, das Ganze war ein Verhängnis. Ich hatte eine brennende Zigarette in der Hand als ich eintrat. Die Tür war unversperrt, aber kaum hatte ich sie offen, krachte es auch schon. Durch den Luftdruck wurde ich glücklicherweise weggeschleudert. Erst dann merkte ich, dass auch Fräulein Luksch da war und ebenso wie ich aus der Tür des anderen Raumes geschleudert wurde. Sonderbar war nur: Sie stand wie versteinert da und machte keine Anstalten um Hilfe zu rufen. Ich selbst habe kein Handy. Erst als die Hütte schon im Vollbrand stand, rief sie dem vorbeifahrenden Radfahrer zu, die Feuerwehr zu rufen. Das tat er dann auch, hätte es aber auch bleiben lassen können. Die Hütte war nicht mehr zu retten. Bis dahin hatte auch er nur mit offenem Mund zugeschaut. Die heutige Jugend hat offensichtlich keine Geistesgegenwart mehr!“
„Das schlimme ist nur: Unter den verkohlten Trümmern fanden wir eine Leiche!“
„Waaas…!“, Gerhard Riegler sprang entgeistert auf und musste mit Gewalt in den Stuhl gedrückt werden.
„…und deshalb glaubt ihr jetzt…“
Er schien gebrochen und begann zu schluchzen.
„Ich habe doch damit nichts zu tun! Ich wusste das doch gar nicht. Es war noch jemand in der Hütte? Jemand der es nicht schaffte? Wir machten keine Anstalten zu helfen! Oh Gott, oh Gott!“, wimmerte er.

Für die beiden Inspektoren schien klar: Dieser Mann wusste nichts von der Leiche oder er war ein genialer Schauspieler. Man hatte ihn nur wegen Hausfriedensbruch vorübergehend festgenommen. Seine Reaktion schien echt.
„Das wär‘s! Sie können gehen!“ brummte Glatzl.
Der Mann beeilte sich den Raum zu verlassen.
„Sollte er sich nicht zu unserer Verfügung halten, falls wir ihn noch brauchen?“
„Er ist nicht verdächtig und den Hausfriedensbruch können wir vergessen!“
„Aber irgendwo muss er doch erreichbar sein und selbst für einen Augenzeugen wäre er wichtig!“, ereiferte sich Thiemig.
Der Herr Riegler hatte inzwischen das Präsidium verlassen.
„Obdachlos! Was wenn wir ihn brauchen oder ein mögliches Gericht? Wie sollte er sich denn zur Verfügung halten?“
Inspektor Glatzl biss sich auf die Lippen. Ihm wurde bewusst – der Wichtigtuer hatte recht!
„Verdammt! Es fällt mir schwer, es zuzugeben: Daran habe ich nicht gedacht! Sehen sie zu, ob sie ihn noch einholen können!“
Doch es war zu spät. Herr Riegler hatte das Weite gesucht und wie es schien auch gefunden. Nur Thiemig fand ihn nicht.
Atemlos kam er zurück.
„Nicht mehr aufzufinden – sollen wir eine Fahndung ausgeben?“
„Kein Aufwand für nichts. Wir werden ihn nicht brauchen!“
„Hoffentlich!“, dachte sich Thiemig und war nicht überzeugt.

Gerhard Riegler tat dem Bezirksinspektor Heinrich Glatzl zwar leid, aber sie hatten einen Verdächtigen verloren.
„Es gehen uns die Verdächtigen aus!“, bemerkte Thiemig sarkastisch.
„Ich denke nicht, sie verändern sich nur!“, verbesserte Glatzl aus Prinzip.
„Das Drama muss sich vorher abgespielt haben!“
Dieser Thiemig war in seinen Augen eine Nervensäge.
„Damit rückt Christa Luksch wieder in den Fokus!“
„Was hatte sie vor? Warum wollte sie ausgerechnet das Bett anzünden?
Es fehlt immer noch ein Motiv!“
„Was wäre mit dem Besitzer, ihrem Vater? Damit haben wir ein ähnliches  Problem – kein Motiv und ein Alibi!“
„Moment!“, unterbrach Thiemig den lauten Gedankengang seines Partners.
„Alibi…das Gas könnte man irgendwann aufdrehen und beispielsweise den Obdachlosen hinbeordern um ihn zu einem Schuldigen oder zu einem zweiten Opfer zu machen. Man könnte dann behaupten, er sei bei seiner eigenen Brandstiftung zu Tode gekommen!“
Thiemig hatte es nur so vor sich hergesagt.
Doch der Bezirksinspektor Heinrich Glatzl war wie elektrisiert.
„Ich glaube, Sie haben eben den Fall gelöst. So bekommt alles plötzlich Sinn: Der Luksch hatte eine gewaltsame Auseinandersetzung mit einem, uns noch Unbekannten und erschoss diesen. Dann legte er die Leiche in das Nebengebäude mit dem Stroh, drehte das Gas ganz wenig auf und beorderte Gerhard Riegler unter dem Vorwand, ihm die Hütte zu zeigen dorthin, wohl wissend, dass der starke Raucher irgendwann eine Explosion hervorrufen würde. Man könnte ihm auf diese Weise den Mord in die Schuhe schieben. Christa Luksch und Horst Turner waren nicht eingeplant und sind unschuldig! Kurt…sie haben diesmal ausnahmsweise genial überlegt! So könnte es gewesen sein! Jetzt müssen wir es nur beweisen können!“
„Das könnte schwierig sein, denn in diesem Fall würde er die Geschichte, die der obdachlose Brandstifter uns auftischte, nicht bestätigen.“
Inspektor Kurt Thiemig war überrascht über den positiven Ausbruch seines sonst nur nörgelnden Partners. Er benutzte sogar seinen Vornamen. Das war bisher noch nie der Fall. Nur das „ausnahmsweise hätte er sich schenken können.
„Ja – und wir sollten wissen wer der unbekannte Ermordete ist!“
„Wir müssen im Umfeld des Landesrates recherchieren, wer ihn hassen könnte!“
„Es könnte auch eine Vermisstenanzeige helfen!“
Bezirksinspektor Heinrich Glatzl und Inspektor Kurt Thiemig berichteten Staatsanwältin Eleonore Mayereder von ihrem noch unbewiesenen Verdacht.

Staatsanwältin Eleonore Mayereder klappte den Berichtsordner zu.
„Zu viele Fragen, zu wenige Antworten. Mit Gerhard Riegler haben sie doch einen dringend Verdächtigen!“
„Seiner Reaktion entnahmen wir, dass er von dem Toten in der Hütte nichts wusste. Er beteuert nur, dass er unschuldig ist. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass er möglicherweise jemanden schützt.“
„Sie haben gegen den Landesrat Herrn Luksch nur eine Vermutung! Sind sie sich der politischen Brisanz ihrer Verdächtigung bewusst? Nicht nur Politisch. Er ist ein Großunternehmer, der für die Region sehr wichtig ist. Wenn sie keine hieb- und stichfesten Beweise haben, lassen sie gefälligst die Finger davon. Dieser Gerhard Riegler ist unser Hauptverdächtiger. Bringen sie ihn zu einem Geständnis!“
Ihr Ton war zusehends härter geworden.
„Wir haben ihn weggeschickt!“, bemerkte Bezirksinspektor Heinrich Glatzl kleinlaut.
„Dann holen sie ihn. Ich werde das Verhör übernehmen!“
„Wir wissen nicht wo er hin ist!“
„Waas! ...sind sie verrückt? Sie schicken einen hochverdächtigen Obdachlosen, möglichen Mörder weg und sie wissen nicht einmal wo er sich aufhalten wird? Er hätte in Gewahrsam kommen müssen. Es besteht Fluchtgefahr! Er sollte in Untersuchungshaft! Dafür werde ich sie zur Verantwortung ziehen!“
„Mein Gefühl sagte mir…!“
„Wir sind hier bei der Kriminalpolizei! Wir handeln nach Beweisen! Ich dachte bisher, es mit tüchtigen Beamten zu tun zu haben. Ihr Gefühl in Ehren, aber es ist nicht relevant. Schaffen sie den Gerhard Riegler wieder her oder sie dürfen in Zukunft den Verkehr regeln!“
Das meinte sie sicher nicht so, aber es war ihrem Ärger geschuldet.

Damit entließ sie die zwei Inspektoren.
„Seien sie nicht verzagt!“, versuchte Thiemig den Glatzl zu trösten.
„Nicht verzagt sein? Das ist die größte Blamage, die ich im Laufe meiner Karriere erlebt habe. Denken sie daran – sie sind auch involviert!“

„Meine Karriere ist noch jung. Das Regeln des Verkehrs ist mir noch sehr nahe. Besuchen wir doch das Obdachlosen-Wohnheim am Kalvarienberg. Wohin sonst sollte er sich wenden. Außerdem denke ich, dass sie jetzt mit einer Fahndung einverstanden sein werden!“
Der Unterton in seiner Stimme ließ keinen Zweifel zu, wie Tiemig über seinen Partner dachte.
„Die Staatsanwältin spinnt! Sie wird auch nicht mehr aus ihm herausholen. Der Mann hat damit nichts zu tun. Das fühle ich und auf meine Gefühle ist normalerweise Verlass!“ Beharrte Glatzl auf seiner Meinung.
„Dessen ungeachtet müssen wir ihn finden. Das Obdachlosenheim bei der Emmausgemeinschaft ist eine gute Idee. Die Polizisten sollen außerdem die bekannten Orte aufsuchen, wo sich normalerweise die Sandler und Gammler aufhalten. Im übrigen wird seine Aussage wichtig sein, wenn wir den Verdacht gegen den Landesrat weiter verfolgen!“
Bezirksinspektor Heinrich Glatzl würde den Wichtigtuer am liebsten zum Schweigen bringen, aber er musste zu seinem Bedauern zugeben, dass Thiemig in diesem Fall recht hatte; also nickte er nur und ließ ihn gewähren.
 Das Sekretariat meldete einen sehr aufgeregten Herrn Christian Luksch.
„Der kommt uns gerade recht, da können wir ihm auf den Zahn fühlen!“, meinte Heinrich Glatzl mit einem Augenzwinkern zu Inspektor Thiemig; froh über den Themenwechsel.
„Was macht denn ihn so gut gelaunt?“, dachte sich dieser erstaunt. „Wir haben gegen den Landesrat nichts in der Hand – nur einen vagen Verdacht!“
Vernehmung mit Herrn Christian Luksch Landesrat in Niederösterreich, zust. Für Finanzen, Besitzer der abgebrannten Hütte:
„Herr Luksch – was sagen sie zu der Situation mit ihrer Hütte?“, begann Heinrich Glatzl vorsichtig.

Herr Luksch prang auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Was heißt hier Hütte! Pfeif auf die Hütte! Sie haben meine Tochter in Gewahrsam genommen! Sie ist minderjährig und Sie wollen ihr einen Mord anhängen?“
Er musste mit Gewalt von den Wachebeamten in den Sessel zurückgedrängt werden.
„Lassen sie uns doch in Ruhe miteinander reden. Immerhin hat ihre Tochter zugegeben, dass sie die Hütte anzünden wollte!“, sagte Kurt Thiemig besänftigend.
„Sie hat doch nichts mit einem Mord zu tun und das mit dem Anzünden stimmt auch nicht!“
„Wir haben eindeutige Beweise, dass sie einen Zündmechanismus angefertigt und versucht hat, ihn unter einem Bett anzuzünden! Haben sie eine Ahnung warum sie das wollte?“
„Das werde ich sie fragen, sobald sie wieder bei mir ist! Ich werde sie jedenfalls mitnehmen. Dafür gibt es von mir aus auch keine Anzeige! War es das?“
Der Bezirksinspektor nickte ernüchtert.

„Dem steht nichts im Wege. Es besteht keine Fluchtgefahr. Bitte sorgen sie dafür, dass sie für uns verfügbar ist.
Eine andere Frage: Kann es sein, dass sie jemand beauftragt haben auf ihre Hütte zu achten?“
Christian Luksch schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, ich habe keine Ahnung wer der Tote sein könnte. Die Verdächtigen, inclusive meiner Tochter wissen es nicht?“
„Kennen sie Gerhard Riegler?“
„Wer kennt den in unserer Umgebung nicht. Ein armes Schwein, dem alles genommen wurde und der im Gefängnis landete!“
„Hatten sie einen näheren Kontakt mit ihm?
Herr Luksch entrüstete sich: „Wie käme ich dazu! Ich weiß auch nicht, was er bei der Hütte zu suchen hatte, aber ich glaube nicht, dass er sie anzünden würde!“
„Herr Riegler behauptet, dass er mit ihnen bei der Hütte verabredet war!“
„Also das ist der größte Unsinn, den ich jemals gehört habe!“, brach der Landrat in ein Gelächter aus, „Was hätte ich mit ihm zu tun?“
Das Gelächter klang für Thiemig etwas übertrieben.
„Nun erstens behauptet er von ihnen einen Job zu erhalten!“, meinte er.
„Und zweitens eine Unterkunft in der Hütte!“, ergänzte Glatzl.
„Glauben sie das wirklich?“, wunderte sich Herr Luksch.
 Es schien ihn sehr zu erheitern.
„Eigentlich nicht, aber das wollten wir wissen. Sie hatten also keine Abmachung mit Herrn Riegler! Vielen Dank, dass sie sich Zeit genommen haben. Sie können ihre Tochter mitnehmen. Auf Wiedersehen!“
„Das hoffe ich nach Möglichkeit nicht!“, brummte Luksch beim Hinausgehen.
„Er konnte uns auch nicht wirklich weiterhelfen!“, seufzte Glatzl.
Seine Zuversicht war wie weggeblasen.
„Ist ihnen aufgefallen, dass das Mädchen nicht mit dem Vater wegwollte?“ meinte Thiemig nachdenklich.
„Sie war doch sowieso völlig verstört. Sie sehen Gespenster!“
„ Worauf achten sie? Haben sie gesehen wie er aussah?“ fragte Thiemig.
„Was meinen sie?“
„Er muss vor Kurzem eine gröbere Auseinandersetzung gehabt haben. Ein blaues Auge und Verletzungen im Gesicht! Er hat sich auch bei den Fragen nach Riegler eher seltsam benommen!“
„Worauf sie alles achten! Sie meinen, das könnte zu einem Motiv führen?“, zweifelte Glatzl, obwohl an der Vermutung etwas dran sein könnte.
Er wollte Thiemig jedoch nicht recht geben.
Doch dieser blieb stur bei seinem Verdacht.
„Wäre doch möglich! Ein behäbiger Mensch, Landesrat und Chef einer großen Firma, prügelt sich normalerweise nicht so einfach. Wo hat er die Verletzungen her? Warum haben sie ihn nicht gefragt? So ein Mensch könnte durchaus auch eine Waffe besitzen, vielleicht einen Revolver 9 mm?“, beharrte Thiemig.
„Ist das nicht ein wenig weit hergeholt? Aber wir werden uns schlau machen, ob auf ihn eine registriert ist!“, seufzte Glatzl.

Im Präsidium gab es Aufregung.
„Wir haben einen Notruf von einem Handy der Christa Luksch. Er wurde aber nur angewählt und abgebrochen. Inspektor Tanzer, der uns bei dem Fall mit seinem Computerwissen geholfen hat, erkannte die Nummer und ortete das eingewählte Handy in der Nähe der abgebrannten Hütte!“
Kurt Thiemig sah seinen Partner bedeutungsvoll an.
„Da stimmt etwas nicht! Hatte sie nicht angegeben, dass ihr Handy in der Hütte war und sie uns daher nicht früher anrufen konnte? Da sollte das Handy aber zerstört sein! Welches Handy war das nun? Hat sie mehrere Handys? Das ist doch höchst seltsam!“
„Sie hören schon wieder die Flöhe husten! Vermutlich ist ja nichts dran, aber das erscheint mir doch eigenartig. Eine Funkstreife zu alarmieren kann kein Fehler sein.“
Noch dachte Bezirksinspektor Heinrich Glatzl nicht daran, selbst hinzufahren.
Inspektor Kurt Thiemig sagte nichts, aber er empfand es als Fehler.
Er beharrte auf seiner Meinung.

Das genau war es, was Heinrich so störte. Noch schlimmer, wenn er womöglich recht behielte.
„Sie ist doch zuletzt mit ihrem Vater, Christian Luksch abgefahren! Wenn nun ihre – unsere - neue Theorie stimmt, könnte es nicht sein, dass es Konflikte zwischen Vater und Tochter geben könnte?“
„Konflikte?“, zweifelte Glatzl.
Kurt fand seinen Partner etwas begriffsstutzig. Begriffsstutzig und überheblich.

„Nun sie hat versucht das Bett anzuzünden! Das hat sie doch zugegeben!“
Nun begriff Heinrich Glatzl, was Kurt Thiemig meinen könnte. Vater und Tochter waren noch keine halbe Stunde unterwegs, als der Notruf kam. Er musste also unmittelbar nach der Ankunft bei der Unglückstelle gewählt worden sein.
Da waren Beide vermutlich noch dort.
„Es könnte wirklich eine Auseinandersetzung wegen des Brandes gegeben haben!“
Sie wurden unterbrochen.
„Es gibt eine Vermisstenmeldung!“
„Schicken sie den oder die Person herauf!“
„Denken sie, es ist ein Angehöriger unseres Toten?“, meinte Thiemig.
„Wir werden es sehen, jedenfalls ist es möglich und wir wollen Zeit gewinnen!“
Sie wurden wieder unterbrochen.
Es war die Streife, die man losgeschickt hatte, um den Notruf zu klären.
„Christa Luksch ist tot! Es sieht nach Selbstmord aus!“
Leutnant Friedhelm Matzinger, diensthabender Leiter: „Ihr müsst sofort dorthin, es kann einen Zusammenhang geben!“
Heinrich Glatzl sprang auf.
In diesem Moment wurde ein Herr Otto Rieder eingelassen.
„Ich komme wegen einer Vermisstenanzeige, man hat mich hierherbeordert!“
Das war nun ein ganz blöder Moment. Es gäbe Wichtigeres zu erledigen.

Bezirksinspektor Heinrich Glatzl traf eine Entscheidung:
„Kurt – sie sprechen bitte mit Herrn Rieder. Ich werde mit Leutnant Matzinger unserem Tross nachfahren und sehen ob er recht haben könnte.
„Nicht er – ich habe recht!“, brummelte Thiemig ärgerlich vor sich hin, so, dass die Kollegen es nicht hören konnten.

Otto Rieders Vermisstenmeldung
Thiemig wäre lieber selbst an den möglichen Tatort gefahren, doch er nickte nur stumm und bot Herrn Rieder einen Stuhl an.

Er hielt sich nicht lange mit Begrüßungsformalitäten auf.
„Herr Rieder – sie haben eine Vermisstenmeldung?“
„Ja mein Sohn Roland ist seit gestern nicht nach Hause gekommen. Das war noch nie der Fall. Er war auch nicht in der Schule und das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich. Dann habe ich von dem Brand gelesen und dass es einen Toten gab. Nun habe ich befürchtet…!“
„Ganz ruhig! Man muss ja nicht gleich das Schlimmste annehmen!“
Er versuchte den Mann, der sich immer mehr erregte zu beruhigen.
„Wie alt war ihr Sohn?“
„Erst 17 Jahre und er war in letzter Zeit so glücklich!“
„So glücklich? Kann es nicht sein, dass er woanders übernachtet hat oder weggefahren ist?“
„Nein. Bestimmt nicht! Das Mädchen, von dem er so schwärmte, ist erst 16 und hat einen strengen Vater, der so etwas nie erlauben würde!“
„So, so…!“
Kurt überlegte: ‚Sollte es einen Zusammenhang…?‘
„Kennen sie das Mädchen zufällig?!“
„Ja natürlich! Sie ist die Tochter meines Arbeitgebers, Herrn Luksch!“
Spätestens jetzt war dem Inspektor klar, dass es einen Zusammenhang geben musste.
Eine innere Erregung packte ihn. Vielleicht hätte er die Möglichkeit, den Fall von hier aus zu lösen. Damit könnte er dem Bezirksinspektor und allen hier zeigen, dass sie ihn zu Unrecht unterschätzen.
Herr Rieder merkte seine Veränderung und ihm schwante Böses.
„Sagen sie – hatte ihr Sohn Feinde?“
„Feinde nicht direkt. Es gab Streit mit seinem besten Freund wegen des Mädchens!“
„Eifersucht?“
„Möglicherweise! Roland kam letztlich mit Verletzungen im Gesicht nach Hause, schwieg aber, woher er sie hatte. Ich vermutete eine Auseinandersetzung mit seinem Freund Horst.

Dieser war vor meinem Roland mit Christa Luksch enger befreundet. Horst wurde eines Tages böse zusammengeschlagen und musste im Spital behandelt werden. Das ist allerdings vier Wochen her – oh Gott – könnte mein Sohn ihn spitalreif geprügelt haben? Hat Horst sich dann womöglich gerächt? Roland ist seit diesen drei Wochen, in denen Horst im Spital war, ständig mit dieser Christa unterwegs gewesen!“
„Horst? Ist das Horst Thurner? Erzählen sie alles was sie darüber wissen. Eifersucht kann die Menschen sehr verändern!“
Otto Rieder war einem Zusammenbruch nahe. Im Moment war er nicht ansprechbar.
Kurt Thiemig organisierte inzwischen die Vorführung von Horst Turner. Er war ja zuletzt durch seinen Rechtanwalt einer Vernehmung entkommen. Das würde er jetzt nicht mehr können.
Kurt war sich sicher, der Wahrheit sehr nahe zu sein.
Nach Wasser und einigen beruhigenden Worten war Herr Rieder wieder in der Lage, Rede und Antwort zu stehen. Er war sich allerdings sicher, dass sein Sohn die Leiche aus der Hütte sei.
„Wo ist denn Rolands Mutter?“
„Sie ist vor vier Jahren durch einen Verkehrsunfall gestorben!“
„Kann ich meinen Sohn sehen?“
„Nein! Es gibt nur den Verdacht, dass es ihr Sohn ist. Wir haben keinen Beweis. Bringen sie uns bitte Haare ihres Sohnes, zum Beispiel aus einer Haarbürste, die nur er benutzt. Ein DNA-Abgleich könnte uns die Wahrheit bringen. Bis dahin bleibt für sie die Hoffnung, dass er es nicht ist!“
Ein gebrochener Mann verließ das Büro. Otto Rieder war sich sicher, dass Roland der verbrannte Tote aus der Hütte ist.
Kurt Thiemig glaubte es ebenso. Die Haare könnten den Beweis bringen.

Der neue Tatort am Teich
Als Leutnant Friedhelm Matzinger und Bezirksinspektor Heinrich Glatzl

auf dem Grundstück vor der zerstörten Hütte ankamen, hatte Pathologe Gary Strobl seine Arbeit schon getan.
„Ah… hoher Besuch!“, äffte er. Er mochte den Leutnant nicht leiden.
„Es sieht nach einem Selbstmord aus. Sie erschoss sich mit dem Revolver, eine 38 Spezial Smith Wesson, den sie noch in der Hand hielt!“
„Schmauchspuren?“, fragte Matzinger zweifelnd.
„Na sicher. Sonst wäre ich nicht von Selbstmord ausgegangen! Aber natürlich muss ich sie noch genauer untersuchen. Der Todeszeitpunkt stimmt fast mit dem Notruf überein, was seltsam ist. Doch das ist ja euer Bier. Bericht folgt!“
„Habt ihr das Handy?“, fragte Kurt die Leute von der Spurensuche.
„Kein Handy!“, war die Antwort.
„Wie ist das möglich? Sie hat doch einen Notruf abgegeben! Falls es doch ein Mord ist, hat damit der Mörder einen großen Fehler begangen!“
Matzinger zuckte mit den Achseln.
„Es kann doch sein, dass jemand Anderer den Notruf abgeben wollte und gestört wurde!“
„Was ist hier geschehen. So wie es aussieht oder aussehen soll, kann es nicht sein. Möglicherweise gibt es noch eine Person, die abgetaucht ist!“
„Mit dem Handy?“
„Möglich wäre es! Sonst müssten wir das Handy finden!“
Sinnend sahen die beiden Beamten dem Totenwagen, der die Verstorbene wegbrachte, nach.
„Nun – Was denkst du?“
Der Leutnant und der Bezirksinspektor waren Du-Freunde.
„Ich glaube nicht an einen Selbstmord!“, sagte Matzinger überzeugt.
„Ich bin der gleichen Meinung. Da hat jemand einen Selbstmord inszeniert und ich glaube auch zu wissen wer. Wir müssen es nur noch beweisen!“
Glatzl schüttelte bedächtig das Haupt.
„Wie geht es dir mit dem Neuen?“, wechselte Friedhelm Matzinger unvermittelt das Thema. Er meinte damit Inspektor Thiemig.
„Ja was soll ich sagen – er ist ein wenig übereifrig!“
„Doch das ist ja positiv! Du musst bedenken, dass es nicht so einfach ist, von den Uniformierten in den Kriminaldienst zu wechseln. Ich hoffe, du machst ihm das Leben nicht so schwer!“
Heinrich zögerte.
„Weißt du – er erinnert mich irgendwie an eine Unart meiner Frau – er hat immer etwas zu bemerken, spricht, ohne gefragt zu werden und spielt sich auf, als wäre er der Leiter des Departements!“
„Aha – daher weht also der Wind. Er erinnert dich an deine dominierende Frau! Sie hat wohl in deiner Ehe die Hosen an!“
Das allerdings war für Inspektor Glatzl ein unangenehmes Thema.
Er wollte schnell das Thema wechseln. In diesem Augenblick kam der Anruf von Inspektor Kurt Thiemig.
„Was…? Der Horst Turner? Der war doch bei der Explosion in der Nähe!“
Heinrich Glatzl sah den Leutnant triumphierend an:
„Wir haben einen neuen, alten Verdächtigen im Fall der brennenden Hütte. Horst Thurner, den wir wegen des Rechtsanwaltes nicht vernehmen durften, hatte gewaltsame Auseinandersetzungen mit unserem vermutlichen toten Roland Rieder und das, wegen Christa Luksch. Es handelt sich vielleicht um ein Eifersuchtsdrama mit tatsächlichem Selbstmord, weil ihr Geliebter tot ist“
„Was ist mit dem Handy? Wenn sie es benutzt hat, müsste es zu finden sein!“
„Verdammt – es ist schwer vorstellbar, dass jemand das Handy dem toten Mädchen wegnimmt und dann keine Meldung macht!“
„Es sei denn ihr Mörder!“
„Nun die Beweise fehlen noch. Weder wissen wir mir Sicherheit, ob der verbrannte Tote Roland Rieder ist, noch ob Christa Luksch wirklich Selbstmord begangen hat, noch inwiefern Horst Thurner verwickelt ist!“, bremste der Leutnant seinen Freund ein.
„Thiemig soll den Horst Thurner einbehalten bis wir kommen. Wir besuchen jetzt den Vater Christian Luksch!“
Leutnant Friedhelm Matzinger und sein Kollege Bezirksinspektor Heinrich Glatzl rüttelten und klopften an die Haustüre der Villa Luksch aber es rührte sich nichts.
„Er sollte zuhause sein! Sein Auto ist in der Garage und das Garagentor ist offen!“
„Gibt es vom Inneren der Garage einen Eingang in das Haus?“
„Ja! Aber wir sollten…!“
„Es ist Gefahr im Verzug – wir müssen handeln!“
Da die Garage und auch die Tür, die ins Innere der Villa führte, offen waren, drangen die beiden Beamten auf diese Weise in das Haus ein.
„So ein Leichtsinn – alles offenzulassen! Eine Einladung für Diebe! Sowas gehört verboten!“
Es war still im Haus.
„Hallo Polizei! Ist da jemand?“
Doch so sehr sie auch riefen und lärmten – es rührte sich nichts.
Bis sie ins Schlafzimmer vordrangen. Da lag er! Auf dem Bauch, wie tot. Doch das war er nicht. Nach dem Alkoholgeruch in der abgestandenen Luft war klar, was mit ihm los war. Der Landrat war stockbetrunken und dadurch fast bewusstlos. Es kostete sie einige Ohrfeigen und einen Krug kalten Wassers, um ihn wach zu bekommen.
„Was zum Teufel…!“, lallte er vor sich hin bis – ja, bis er erkannte wer da vor ihm stand. Adrenalin schoss ihm durchs Blut und er war plötzlich hellwach.

„Polizei? Was wollen sie bei mir daheim und überhaupt – wie sind sie hereingekommen?“
„Kommen sie; es ist etwas passiert und wir brauchen sie im Präsidium!“
Sehr unwillig kam er mit. Er war so betrunken, dass sie ihn fast in den Wagen schleifen mussten. Der Leutnant hatte nun den Eindruck, dass die Trunkenheit teilweise gespielt war. Warum bloß? Was wollte er damit erreichen?
Im Präsidium bekam er einen halben Liter starken Kaffee und wurden in einen der Verhörräume gesetzt und eine Zeit allein gelassen, um ihn zu beobachten.
Horst Thurner 2. Verhör
Im anderen Raum saß der junge Horst Thurner und war verwirrt.

„Kennen sie Roland Rieder?“
„Natürlich kenne ich Roland. Er ist mein bester Freund und Schulkollege!“
„Ja und wie wir hörten Rivalen um die Gunst einer gewissen Christa Luksch!“
Horst zuckte zusammen und seine Augen weiteten sich.
„Und wenn schon! Wen geht das was an?“
„Na uns! Sie haben sich mit ihm geprügelt. Eifersucht war im Spiel. Was ist passiert? Roland Rieder ist vermutlich verbrannt und Christa Luksch erschossen! Sie waren am Tatort, zumindest im ersten Fall wissen wir das genau!“
„Beim Erschießen des Mädchens waren sie schlauer! Sie tarnten es als Selbstmord und tauchten ab. Sie wussten nur nicht, dass Christa einen Notruf abgeben konnte und haben das Handy mitgenommen. Deshalb wissen wir, dass es kein Selbstmord sein kann!“
„Waaas…?“
Horst Thurner sprang so heftig auf, dass er rücklings über den Stuhl kippte und nach hinten fiel. Er schlug schwer mit dem Kopf auf und war bewusstlos.
Herr Thurner, der Vater von Horst, hatte inzwischen den Rechtsanwalt alarmiert und dieser kam genau zu der Situation zurecht, als man vereint versuchte Horst wach zu bekommen.
„Aha! Polizeigewalt! Jetzt habe ich euch einmal auf frischer Tat ertappt! Das gibt eine fette Anzeige und einen Artikel in der Zeitung!“
Es nützten keine Beteuerungen. Der Mann ließ sich nicht erweichen.
Er ließ Horst ins Krankenhaus überweisen, um Zeugen zu haben.
Chef Rat Magnus Westermayer war sauer auf seine Mitarbeiter. Aber er konnte nichts machen. Es gab eine Anzeige an die Innere Abteilung wegen Polizeigewalt.
In all der Aufregung hatten sie auf Christian Luksch vergessen. Der lag auf den Tisch und schlief seinen Rausch aus. Der bewachende Beamte zuckte mit den Achseln.
„Ich hatte keine Anweisungen und ihr seid nicht gekommen. So war es das Beste und er gab Ruhe.!“
„Sperrt ihn in eine der Zellen. Er soll seinen Rausch ausschlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.
Es reichte ihnen.
Der Rat Magnus Westermayer verbot seinen Männern, Horst Thurner auch nur in die Nähe zu kommen, ehe sie nicht handfeste Beweise für seine Schuld haben. Ein Skandal war sowieso nicht mehr zu vermeiden.
Sie dachten das Rätsel beinahe gelöst zu haben – es fehlten nur die besagten handfesten Beweise.
Der Meinung war auch Staatsanwältin Eleonore Mayereder, nachdem Heinrich und Kurt ihre Misere gebeichtet hatten. Sie glaubte nicht daran, dass die Beamten Horst Thurner bewusstlos geschlagen haben. Eine Untersuchung der Internen würde auch sie nicht verhindern können.
Die DNA-Untersuchung der Haare, aus der vom Herrn Rieder mitgebrachten Haarbürste, ergab mit Sicherheit, dass es sich bei dem verbrannten Opfer um Roland Rieder handelte.
Sie war nach wie vor der Meinung, dass Gerhard Riegler die Schlüsselfigur des Ganzen wäre. Vor allem, weil die Fahndung nach ihm bisher keinen Erfolg zeitigte.
Vernehmung Christian Luksch Landesrat in Niederösterreich zust. Für Finanzen und Besitzer der Luksch-Werke
Christian Luksch hatte die Nacht in der Zelle nicht nur genutzt um nüchtern zu werden – er hatte sich auch eine Strategie zurechtgelegt, um heil aus dieser Sache zu kommen.

„Geht es ihnen besser?“
„Alles bestens! Ich habe mich gestern einfach zugeschüttet!“
Bezirksinspektor Heinrich Glatzl räusperte sich. Die folgenden Worte fielen ihm schwer.
„ Wir haben eine schlechte Nachricht für sie!“
Heinrich unterbrach und sah hilflos zu seinem Partner Kurt Thiemig.
Dieser vervollständigte den Satz: „Wir haben ihre Tochter erschossen aufgefunden!“
Die Reaktion des Landrates war eine Andere, als erwartet.
Er schüttelte traurig den Kopf und sagte: „Also hat sie es doch getan! Ich habe es gefürchtet, weil sie nicht nach Hause gekommen ist!“
„Was soll das heißen, sie haben es gewusst?“
„Geahnt! Deshalb habe ich mich so besoffen!“
„Was ist passiert, nachdem sie mit ihrer Tochter das Präsidium verlassen haben?“
 „Sie ist im Auto gesessen und hat immer nur geheult „Ich bin schuld, ich bin schuld“.
Dann sollte ich stehen bleiben. Sie öffnete das Seitenfach, in dem ich meinen Revolver liegen hatte, packte ihn und sprang aus dem Wagen, ehe ich reagieren konnte. Sie – ich habe 136 Kilo. Ich wäre nicht in der Lage gewesen sie aufzuhalten oder einzuholen!“
„Sie hätten die Polizei rufen können!“
„Sie haben eine geladene Waffe im Handschuhfach ihres Wagens?“
„Ich bin Politiker. Ich brauche sie zu meinem Schutz!“
„Sie wissen schon, dass es den Bestimmungen widerspricht oder seid ihr Politiker von den Gesetzen ausgenommen!“
Der Landesrat überhörte geflissentlich diese Anspielung.
„Ich habe doch zuerst nicht geglaubt, dass sie sich wirklich etwas antun wollte. Sie hat das schon so oft angedroht, dass ich es nicht ernst nahm!  Erst als sie nicht nach Hause kam…!“
Er verstummte und war nahe am Weinen.
„Sie ist erst 16. Was könnte sie schon so viel erlebt haben, um öfters Selbstmord anzukündigen!“, zweifelte Heinrich Glatzl.
„Ich weiß es doch nicht. Sie hat ihre Mutter früh verloren. Sie war unglücklich verliebt und sie klagte, in der Schule schlimm gemoppt zu werden. Wissen sie, was in so einem Jugendlichen Gehirn vor sich geht, wenn es keine Freunde hat?“
„Wie wir erfahren konnten hatte sie sogar die Wahl zwischen zwei Freunden, die sich sogar um sie gestritten haben!“
„Davon weiß ich nichts; das hat sie mir verschwiegen!“
Man konnte dem schwergewichtigen Mann ansehen, dass dieses Thema für ihn sehr unangenehm war.
„Ich bin Alleinerzieher und das schon seit 10 Jahren, seit dem Tod ihrer Mutter. Es gibt Dinge, die erzählt man dem Vater nicht – bei allem Vertrauen, das sonst herrschen mag! Man kann ein 16 - jähriges Mädchen doch nicht einsperren! Ich habe als Landesrat und als Unternehmer alle Hände voll zu tun. Ich kann und will doch mein Kind nicht ständig überwachen. Da wäre ja auch kaum möglich!“
Thiemigs Gedankengerüst über diesen Fall brach zusammen. Es war tatsächlich so. Es gingen ihnen die Täter aus. Was könnten sie ihm vorwerfen. Dass er die Polizei nicht von einem möglichen Suizid benachrichtigte? Das war sicher eine Dummheit! Aber strafbar?

Nachdem Herr Luksch seine Tochter identifiziert hatte, konnte er unbehelligt nach Hause gehen.
„Irgendwie kann ich ihm nicht glauben!“, brummelte Thiemig unzufrieden.
„Als Vater hätte er doch verhindern müssen, dass seine Tochter mit einer Pistole in der Hand wegläuft! Ich hätte zumindest die Polizei um Hilfe gerufen; aber er fährt nachhause und säuft sich an!“
„Wir stehen am Anfang.“, meinte Heinrich müde. „Das mit dem Handy passt nicht. Wir müssen weiter ermitteln.“
„Jetzt haben wir zwei Tote und sind so klug, wie zuvor!“
„So schlimm ist es nicht! Auch nach dem Wegfall von Christa Luksch haben wir drei Verdächtige, den Vater eingeschlossen!“
„Tja – und Gerhard Riegler ist auch nicht aufgetaucht!“
„Möglicherweise haben wir ihn falsch eingeschätzt!“
Thiemig zuckte mit den Schultern.
„Er hat nach wie vor kein Motiv. Mein Verdächtiger ist Luksch!“
„Wo sollte dessen Motiv liegen?“
„Es fehlen uns Beweise!“
„Wir konnten nicht herausfinden, warum Christa Luksch das Bett anzünden wollte!“
„Ja und auch nicht, was der Verstorbene und Horst Thurner dort zu suchen hatten. Beide waren mit Christa eng befreundet. Was ist da geschehen?“
„Genau und wie passt Gerhard Riegler in dieses Trio?“
In diese Stimmung platzte Pathologe Gary Strobel.
„Ich weiß nicht ob es euch hilft aber das Mädchen war schwanger!“
Glatzl und Thiemig sahen sich mit bedeutungsvollen Mienen an.
„Ja – in der siebenten Woche!“
„Gary – vielen Dank, das hilft uns weiter!“
„Das würde einige Dinge erklären! Können sie sagen, wer der Vater ist?“
„Bis jetzt noch nicht! Die mir vorliegenden DNA-Proben von Horst Thurner, Roland Rieder und Gerhard Riegler stimmen nicht überein. Tut mir leid, es muss noch jemand Anderen geben!“
Damit legte er auf und ließ zwei völlig verdutzte Beamte zurück.
„Eben dachte ich noch wir haben die Lösung!“ murmelte Glatzl.
„So einfach macht es uns das Schicksal nun doch nicht!“, bestätigte Thiemig.
„Das könnte die unselige Bettenverbrennung, den Brandmord und auch einen eventuellen Selbstmord erklären!“, stieß Glatzl heraus.
„Es ist kein Selbstmord gewesen – denken sie an das Handy!
Glatzl fing an diesen Thiemig zu hassen. ‚Kann er nicht einfach den Mund halten? Was hilfts – er hat recht!‘
„Sie würde doch nicht den zukünftigen Vater ihres Kindes töten!“
„Sie wusste möglicherweise nicht wer der Vater ist.“
„Sie ahnte vielleicht gar nicht, dass sie schwanger ist! Das Motiv für den Mord an Roland Rieder liegt ganz eindeutig nicht bei Christa!“
„Schwangere Frauen benehmen sich emotional oft höchst seltsam, vielleicht hormongesteuert. Da könnte es schon zu Verzweiflungstaten kommen!“, beteuerte Thiemig.
Bezirksinspektor Heinrich Glatzl winkte lässig ab. Er hatte sich von der Überraschung erholt.
„Wir brauchen den Schwängerer. Dann könnte sich alles aufklären. Wir müssen im Umfeld der Jugendlichen recherchieren. Das soll Revierinspektor Johann Spreitzhofer mit den Bediensteten Henriette Riedl, Gerti Stangl sowie einigen Streifenbeamten erledigen. Johann ist informiert, wir aber müssen Staatsanwältin Eleonore Mayereder von den Neuigkeiten berichten!“
„Sie wollen ihr allen Ernstes ohne einen Erfolg bei der Fahndung nach Gerhard Riegler unter die Augen treten?“, fragte Tiemig erstaunt
„Was sollen wir sonst tun? Wir haben ihn nicht!“
„Ich würde mir etwas Zeit lassen, vielleicht wird er ja doch noch gefunden!“
Die Entscheidung wurde vertagt, denn das Sekretariat meldet die
Anwesenheit von Horst Thurner und dessen Vater.
Horst Thurners Rückkehr

Der Chef Rat Magnus Westermayer hatte den Beamten zwar verboten Horst Thurner ohne Beweise auch nur in die Nähe zu kommen – aber wenn er von selber kam?
Deshalb begrüßten sie die Beiden sehr freundlich und zurückhaltend.
Doch es kam anders, als sie sich gedacht hatten.
Während Horst mit einem Turban aus Verbandstoffen still, leise und offensichtlich bedrückt in dem Stuhl kauerte, schüttelte Vater Thurner fast überschwänglich die Hände der Beamten.
„Wir sollten uns entschuldigen, weil wir uns geirrt haben. Der Rechtsanwalt hat einen unnötigen, öffentlichen Skandal aus dem unseligen Sturz meines Sohnes beim Verhör…!“
„Es war eine Befragung!“, unterbrach Thiemig und holte sich dafür einen bösen Blick von Glatzl.

„Na gut – jedenfalls hat uns Horst aufgeklärt, dass sie an dem Vor- beziehungsweise Rückfall, unschuldig sind. Wir sind auch bereit dies öffentlich in der Gemeindezeitung zu berichtigen!“
„Danke das wäre sehr nett und befreit uns vor vielen Schwierigkeiten!“, beeilte sich Heinrich Glatzl diensteifrig zu versichern.
Auch Thiemig schien es, als fiele ihm ein Druck von seinem Herzen. Ein Disziplinar, so am Anfang seiner Karriere, wäre nicht toll gewesen. Jetzt waren sie beide froh, noch nicht bei der Staatsanwältin vorgesprochen zu haben. Ein Punkt weniger, der ihr Ärger machte.

„Jetzt, wenn sie schon hier sind. Wären sie einverstanden, dass wir mit der Befragung ihres Sohnes fortfahren? Er könnte uns Aufschlüsse über das Fräulein Luksch, Roland Rieder und deren Umfeld geben!“
„Sie befragen ihn also als Zeugen – nicht als Beschuldigten!“, fragte Papa Thurner und wirkte plötzlich wieder sehr angriffslustig.
„Selbstverständlich als Zeugen!“, beeilte sich Glatzl zu sagen.
„Das hat sich vorgestern aber ganz anders angehört!“, stieß Horst Thurner zwischen den Zähnen hervor. „Sie haben mir vorgeworfen meinen Freund Roland verbrannt und meine Christa erschossen zu haben! Schon vergessen?!“
„Wir gestehen das war ein Fehler. Wir waren noch ganz unter dem seelischen Eindruck des erschossenen Mädchens. Wir entschuldigen uns dafür. Irgendwie dachten wir ganz schnell zu einem Ende zu kommen, bevor ihr Rechtsbeistand da war. Dafür entschuldigen wir uns.
„Man hat mich bei der Abholung wohl über meine angeblichen Rechte belehrt, dann aber nichts eingehalten. Sie haben mich sofort mit Anschuldigungen und Anklagen überfallen. Das Ergebnis war dieses!“, er zeigte bedeutungsvoll auf seinen Kopfverband.
Glatzl und Thiemig gaben sich geknickt und reuig.
„Ich hoffe, sie können uns verzeihen. Wir sind auch nur Menschen und unmittelbare Anblick eines völlig verbrannten jungen Menschen und eines erschossenen Mädchens innerhalb eines Tages hat uns offensichtlich zugesetzt!“
„Wir sind nicht so abgebrüht, dass uns das nicht zusetzen würde!“
Vater Thurner räusperte sich.
„Nun mein Sohn – wollen wir verzeihen?“
Horst brummelte etwas vor sich hin, was wie eine Zustimmung klang.
Nun wurde Glatzl sofort geschäftig.
„Gut also… wir setze sie erstmal in den Fauteuil, damit sie nicht wieder umfallen können!“
Das kostete sie erstmals einen Lacher und entspannte die Stimmung.
„Sie sind als Zeuge geladen. Dazu machen wir sie aufmerksam, dass sie verpflichtet sind die Wahrheit zu sagen. Sie brauchen sich aber nicht selbst mit einer Straftat belasten. In diesem Fall können sie die Aussage verweigern und wir werden den Akt an die Staatsanwaltschaft weitergeben. Haben sie das verstanden? Wir wollen diesmal sicher gehen, alles richtig zu machen!“
Horst hatte verstanden, wollte aber in Beisein seines Vaters nicht aussagen. Das ergab den Umstand, dass sie auf den Rechtsanwalt als Beistand warten mussten, während Horst seinem Vater klarzumachen suchte warum dieser nicht dabei sein durfte.
Inzwischen kam die Meldung, dass Lukschs Waffe wohl die Tatwaffe sein könnte, was aber auf Grund des Zustands der Leiche nicht beweisbar war.
Bericht des Revierinspektors Johann Spreitzhofer
Glatzl und Tiemig nutzten die Wartezeit um den Zwischenbericht des Johann Spreitzhofer anzuhören:
„Ich habe gemeinsam mit der Bediensteten Henriette Riedl und Gert Stangl, sowie einem uniformierte Beamten die Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe in der Eybnerstraße besucht. Wie sich herausstellte waren sowohl Christa Luksch als auch Horst Thurner und Roland Rieder dort eingeschrieben.
Also was die Christa betrifft, war sie nicht sehr beliebt bei ihren Mitschülern und Schülerinnen. Sie galt als hochmütig, eigenbrötlerisch, und hatte keine Freunde oder Freundinnen in der Schule. Im Gegenteil! Sie wurde gemobbt und im Internet schlimm verleumdet. Man nahm es ihr übel, dass sie eines Landesrates Tochter war. Sie ertrug dies mit stoischer Ruhe.
Die Direktion versuchte die Internet-Lügen ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen zu unterbinden. Doch vergeblich! Internet-Idioten waren kaum zu fassen. Als allerdings klar wurde, dass Horst Thurner ausgerechnet sie zu seiner festen Freundin erwählte, wurden sie vorsichtiger. Mit dem kräftigen Burschen durfte man sich nicht anlegen. Horst Thurner war ein intelligenter, aber mittelmäßiger Schüler. Statt zu lernen trieb er sich angeblich lieber mit Mädchen herum. Ein Mädchenschwarm!
Er schaffte es, das Vertrauen der Christa Luksch zu gewinnen. Sie schienen sich gut zu verstehen. Eines Tages wurde er mit Kopfverletzungen in das Spital eingeliefert und er gab nie bekannt, wer ihn verletzt haben könnte. Da Christa Luksch ihn nie im Spital besuchte – immerhin drei Wochen – und noch dazu mit ihm Schluss machte, brodelte die Gerüchteküche, dass sie ihm die Verletzungen zugefügt hätte. Die Schadenfreude war groß und als es Roland Rieder in diesen drei Wochen ebenfalls schaffte, Christa für sich zu gewinnen, gab es einen Sturm der Schadenfreude im Internet. Auch die Toiletten wurden mit Sprüchen gegen Horst Thurner beschmiert.
„Das heißt die Verletzungen wurden von Christa und nicht von Roland Rieder zugefügt?“
„ Da ist sich niemand so ganz sicher! Allerdings am ersten Schultag nach den Ferien hat Horst Thurner den Roland Rieder verprügelt und dieser hat sich nicht gewehrt. Deshalb das Gerücht, dass Christa Luksch den Horst so zugerichtet hatte, weil er, wie er es früher bei den anderen Mädchen gewohnt war, zudringlich wurde!“
„Was sagt man über Roland Rieder?“
„Roland war ein schlanker eher zierlicher Junge im gleichen Alter. Niemals hätte er sich mit Horst anlegen können. Angeblich waren sie bis dahin beste Freunde. Er war ruhig und ausgeglichen, ein guter Schüler. Offensichtlich waren sie beide hinter Christa her.!“
„Sagen sie – hatte Christa tatsächlich keine Freundin? Das ist für eine 16-jährige kaum zu glauben!“
„Sie hat angeblich schon eine, die ist aber nicht auf dieser Schule. Eine Nachbarin oder so! Niemand wusste da etwas Genaueres!“
„Dann danken wir vorerst! Wie steht es mit der Fahndung nach Gerhard Riegler?“
„Da er praktisch auf der Straße lebt, kann er überall sein, aber wir sind dran!“
Einvernahme Horst Thurner im Beisein seines Rechtsanwaltes Dr. Georg Hartner

Inzwischen war Dr Georg Hartner, der Rechtsbeistand des Horst Thurner eingetroffen. Auch ihm war es peinlich, dass er ohne Horst zu fragen einen Mediensturm gegen die Polizisten angezettelt hatte.
Seine Entschuldigung wurde wohlwollend entgegengenommen.
„Horst Thurner wir vernehmen sie vorerst als Zeuge. Das heißt: Sagen sie uns die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!“
„Was heißt hier ‚vorerst‘!“, meldete sich Dr. Hartner.
„Das heißt, dass wir im Moment davon ausgehen, dass Herr Thurner mit  der Erschießung des Herrn Rieder nichts zu tun haben dürfte.
Nur der Zusammenhang mit  der Anwesenheit am Tatort und den Geschehnissen ist uns nicht klar!“
„Das habe ich  ihnen schon bei der ersten Einvernahme erklärt!“, mischte sich Dr. Hartner  ein, „Er war auf einem Weg außerhalb des Grundstückes und ist zufällig vorbeigekommen!“
„Hörten wir, nur wir haben inzwischen mehr Informationen und wissen inzwischen, dass dies nicht so war!“, sagte Glatzl mit übertrieben ernstem Gesicht.
„Horst! – wollen sie  nicht mithelfen, den Fall zu klären oder haben sie etwa vor, sich weiter hinter ihrem Anwalt zu verstecken!“, stieß Thiemig nach.
Dr. Hartner sprang auf und wollte etwas entgegnen, aber Horst winkte ab.
„Schon gut. Ich werde aussagen. Was wollen sie wissen?“
„Was wollten sie wirklich in der Nähe der Hütte zu diesem Zeitpunkt?“
Horst stützte den Kopf in die Hände. Es war ihm sichtlich unangenehm darüber zu sprechen.

Als Horst nach einigen Minuten noch immer keine Anstalten zu einer Aussage machte, ließ Bezirksinspektor Heinrich Glatzl die Bombe platzen.
„Wussten sie, dass dieses Mädchen schwanger war?“
Es wirkte wie eine Bombe! Wäre Horst nicht in dem Fauteuil gesessen, hätte es ihn möglicherweise wieder beim Aufspringen überschlagen. Diesmal waren die Beamten vorgewarnt und drückten ihn sofort nieder.
„Waaas…?! Hat etwa Roland in der Zeit, da ich im Krankenhaus lag,,, ?“
„Sie  haben also mit Christa nicht geschlafen!“, stieß Thiemig nach.
„Nein! Soweit ist es doch nie gekommen! Sie hat mich, als ich mich sexuell nähern wollte, krankenhausreif geschlagen!“
„Also war das sie und nicht Roland Rieder!“
Nun war der Bann gebrochen und es sprudelten die

Worte nur so heraus, als hätten sie nur darauf gewartet gesprochen zu werden.
„Ich bemühte mich bereits ein Jahr lang um Christa Luksch.  Ich hatte schon bei ihrem ersten Anblick das Gefühl eine Seelenpartnerin zu sehen. Es fühlte sich an wie ein leichter Schlag in die Magengrube. Mir war sofort klar: Diese oder Keine. Ihre zarte anmutige Gestalt; ihr stilles, freundliches Wesen. Ihre großen, traurig wirkenden Augen sahen immer ein wenig so aus, als würden sie nur in die Ferne sehen. Das weckte in mir das drängende Gefühl sie beschützen zu müssen.
Ich hatte nur keine Ahnung wovor. Ich versuchte die Internet-Lügen ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen zu unterbinden, denn sie wurde wegen ihrer scheinbaren Eigenbrötlerei sehr gemoppt. Doch vergeblich. Internet-Idioten waren kaum zu fassen. Als allerdings klar wurde, dass ich ausgerechnet sie erwählte, wurden sie vorsichtiger. Mit mir sollte man sich nicht anlegen.
Christa war es offensichtlich egal. Sie war in den sozialen Medien nicht präsent. Sie schien immun zu sein gegen Angriffe von außen. Nur vereinsamte sie dadurch immer mehr. Vor dem Internet hatte sie ihr Vater immer gewarnt. Das war ein Punkt, an dem er Recht behalten hatte.
Man warnte auch mich von mehreren Seiten. Nicht nur weil mit dem Mädchen nichts anzufangen sei; nein - auch, weil mit ihrem Vater, dem Landesrat nicht gut Kirschen zu essen wäre. Auch damit hatten Burschen Erfahrungen gemacht.
„Sie haben nie aufgegeben?“ unterbrach Thiemig und bekam dafür von Glatzl einen bösen Blick. Doch Horst war nicht zu bremsen. Er blickte in sein Inneres und schien weit weg zu sein.
„Das kostete mich nur ein müdes Lächeln. Wenn ich etwas wollte, dann bekam ich es auch. So ein bisschen Kampf machte das Mädchen nur noch interessanter.
Es dauerte eine Weile bis ich es schaffte mit ihr auszugehen. Von Tag zu Tag verliebte ich mich mehr in dieses geheimnisvolle Wesen. Auch Christa schien Vertrauen zu fassen und wurde zunehmend zugänglicher. Von nun an verbrachten wir jede freie Minute miteinander. Das war sowieso schwierig, denn wenn ihr Vater zuhause war, durfte sie das Haus kaum verlassen. Doch zu Gabriele, ihrer besten, aber auch einzigen Freundin, durfte sie gehen. „Um zu lernen!“, erklärte sie dem Vater.
„Also hatte sie doch eine Freundin. Wusste ich es doch! In diesem Alter braucht man Vertraute, mit denen man Geheimnisse austauschen kann!“, feixte Thiemig.
Doch der Junge war so in Fahrt, dass er sich nicht unterbrechen ließ.
„Wir konnten uns nur außerhalb der Schulzeiten ein wenig Freiheit verschaffen. Manches Mal schwänzten wir auch die Schule. Das war eine wundervolle Zeit. Sie war sehr schweigsam und nur selten gelang es mir, ihr etwas von ihren Träumen zu entlocken. Sie wollte Archäologin werden. In fremde Länder reisen und uralte Städte ausgraben. Schätze suchen und möglichst Menschen meiden. Ich konnte nicht herausfinden warum sie sich unter Menschen nicht wohl fühlte. Auch Wildparkhüterin in Afrika zu sein könnte sie sich vorstellen.
Damit hatte ich nun gar nichts am Hut, jedoch ich ließ es mir nicht anmerken.
„Das sind Kinderträume – diese Flausen kann man ihr schon austreiben!“, dachte ich bei mir. Wir hatten eine unglaubliche Vertrautheit miteinander.  Trotzdem schien sie jede sinnliche Annäherung abzuwehren. Sie ließ sich nie wirklich gehen. Ich ließ ihr Zeit - doch wurde mein Begehren, sie zu besitzen, immer stärker. Es kostete mir ungeheure Beherrschung, sie nicht an mich zu reißen. Mit reiner Freundschaft, auch wenn sie noch so erfüllend und schön war, wollte ich mich nicht abfinden. Selbst beim langsamen, geschlossenen Tanz fühlte ich ihre Spannung und ihren Drang mich fernzuhalten. Das förderte mein Begehren noch mehr. Ich konnte doch ihre unterdrückte Erregung und ihr leichtes Zittern spüren, wenn sie enger miteinander tanzten.
Ich dachte, - vermutlich war sie eine Jungfrau - und hatte Angst vor dem ersten Mal. Deshalb war ich sehr vorsichtig und geduldig und versuchte einfühlsam zu wirken. Das war nun nicht meine Stärke, aber ich gab mir große Mühe und schien mit der Zeit auch Erfolg zu haben!“
„Ist es möglich die Geschichte etwas abzukürzen?“, wurde Glatzl ungeduldig und bekam nun seinerseits von Thiemig einen bösen Blick.
Doch Horst war im Erzählen, und ließ sich nicht stören. Es tat ihm gut dies alles aussprechen zu können, jetzt nachdem sein Freund tot war, hatte auch er seinen einzigen Vertrauten verloren.
„Ich wollte mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Ich war mir sicher, dass sie mich auch liebte. So etwas fühlt man doch als Mann.
Nur selten erlebte ich, dass sie lachte. Dann warf sie ihre kastanienbraunen Haare, die so schön ihr blasses Antlitz umrahmten, in den Nacken und gluckste und gurrte los. Ich mochte ihre seltsame Art zu lachen. Eigentlich mochte ich alles an ihr. Für mich war sie das perfekte Gegenstück seiner Seele!“
„Wollen sie nicht endlich auf den Punkt kommen? Die eigentliche Frage war: Was wollten sie zur Zeit der Explosion in der Nähe des Tatortes!“
Glatzl mochte das, für ihn kindische Gewäsch, nicht mehr hören.
Dr. Hartner mischte sich ein:
„Wenn sie meinen Klienten nicht aussagen lassen wollen, dann können wir sofort wieder gehen!“
Ihm gefiel die Geschichte. Sein Mandant schien unschuldig zu sein. Dessen war er sich sicher.
Horst nickte ihm dankbar zu und erzählte weiter:
„Dann kam der Tag, an dem ich meinen bisher größten Fehler machte. Es war ein wundervoller heißer Sommertag. Jetzt in den Ferien konnten wir uns jeden Tag sehen, da ihr Vater tagsüber nicht zuhause war.
Wir waren am Teich schwimmen. Sie sah in ihrem knappen Bikini unglaublich sexy aus. Sie war gut drauf, alberte herum und lachte vergnügt.
Als sie auf der Decke ausgestreckt dalag, um die Sonne zu genießen, war es mit meiner Vernunft vorbei.
„Heute ist sie gut drauf! Heute oder nie!“
Ich legte mich neben sie und begann sie behutsam zu streicheln. Zuerst im Nacken und die Schulter abwärts – ganz sanft und zart. Ich fühlte wie sie angenehm erschauderte und merkte, dass ihr Atem schneller wurde. Das machte mir Mut“!
Jetzt wurde es auch für Glatzl interessant. Er ließ Interesse erkennen.
Horst sprach weiter:
„Sie ist so weit!“, dachte ich beglückt und ließ meine Hand tiefer wandern. Als ich knapp unter ihrem Nabel angekommen war fühlte ich ganz leicht ihre Hand, die mich zurückhalten wollte. Sie blieb dabei ruhig liegen, aber atmete schnell und erregt.
Nun war ich mir sicher, dass es der richtige Augenblick wäre. Ich griff ihr zwischen die Beine und versuchte mit der Hand unter das Höschen zu greifen.
In diesem Augenblick machte sie einen Aufschrei, riss sich los, sprang auf und trat mir wie von Sinnen mit den Sandalen an den Füßen mehrmals ins Gesicht.
„Du Schwein; du dreckiges Schwein! Du bist auch nicht besser!“, schrie sie dabei und rannte wie von Teufel gejagt davon.
Das war für mich nicht nur schmerzhaft – es war ein Schock! Obwohl das Blut über mein Antlitz rann, blieb ich fassungslos liegen. Plötzlich sah ich schwarze Wolken vor den Augen und es wurde mir übel.
Eine Gehirnerschütterung? Langsam konnte ich wieder klar denken.
Ich rief Roland an. Ich brauchte jetzt jemanden, um zu reden. Schmerzen im Gesicht und im Kopf? Sie waren nicht so schlimm wie die Schmerzen in meinem Herzen, meiner Seele, meinem Stolz. Ich sah vor mir ihr glückliches Lächeln und danach die Fratze ihres Entsetzens. Ich dachte an Selbstmord. Dann verlor ich das Bewusstsein!“
„Das ist wahrlich eine schlimme Geschichte!“, meinte Thiemig mitfühlend.
Glatzl war etwas anderes aufgefallen:
„Sagte sie wirklich -du dreckiges Schwein! Du bist auch nicht besser – da fragt sich – besser als wer?“
„Viellicht meinte sie Roland!“
„Wir können sie insofern beruhigen, weder sie noch Roland Rieder sind an der Schwangerschaft schuld. Es muss noch jemand anders geben. Hätten sie eine Idee?“, fragte Thiemig und kassierte wieder einen bösen Blick von Glatzl.
‚Dem Thiemig muß ich noch lernen, keine unserer Kenntnisse auszuplaudern!‘, dachte er.
„Da käme niemand, den ich kenne in Frage. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Sie muss vergewaltigt worden sein. Vielleicht war sie deshalb so eigenartig!“, stieß Horst erschüttert hervor.
„Wenn das jemand weiß, dann ist es ihre Freundin, diese – wie hieß sie doch gleich?“
„Gabriele Mosel!“
Horst war immer noch perplex. An diese Wendung hätte er nie gedacht
„Sie werden uns die Adresse geben. Jetzt wissen wir immer noch nicht, was sie in der Nähe des Brandortes zu tun hatten!“
„Auch das ist eine längere Geschichte!“, meinte Horst zögernd.
„Wir haben Zeit – legen sie los. Es ist einer der Punkte, die uns nicht klar waren!“, bekräftigte Glatzl
„Jetzt plötzlich!“, dachte Thiemig bei sich.
„Die Sache war doch logisch. Als ich aus dem Spital entlassen wurde, erlebt ich böse Schmähungen.
Am meisten aber trafen mich die Schmähungen aus dem Internet. Auch die Toilettenwände wurden beschriftet. „Instagram der Urzeit“. Diesmal war ich das Ziel. Da konnten sich die ausgemusterten Gänslein und die Liebesverlierer austoben:
Im Spital drei Wochen voller Pein
Und nun der Schelm, ist er allein

Der Roland hat die Frau gekriegt
Sieh an, der Horst ist nun besiegt

Dein bester Freund, die Zeit genutzt
Jetzt stehst du da und bist verdutzt


Ganz abgesehen von Schmähungen wie:

Da bist du dem Falschen in die Quere gekommen!
Hat endlich jemand gewagt das Richtige zu tun!
Mit dem Hammer hätte man zuschlagen müssen!
Warum lebst du noch du Kreatur – Mädchen-Verderber pur.
Rächt eure Schwestern... usw.

Die Beiträge wurden immer bösartiger und gehässiger! Sogar Aufforderungen zum Mord waren dabei.
Es gab kaum jemanden, der oder die für mich eintrat – eigentlich – niemand.
Das wäre insofern nicht schlimm, da ich es ja nicht lesen musste.
Die Reaktion der Umwelt war für mich schlimmer. Ich fühlte mich plötzlich als Aussätziger.
Leute, die ich nicht einmal kannte, wechselten bei meinem Anblick auf die andere Straßenseite. Ich fühlte mich beobachtet und es wurde hinter meinem Rücken getuschelt.
Als „Bad Boy“ war ich nun scheinbar Ortsbekannt.
Roland wagte es während dem gesamten Rest der Ferien nicht, mir unter die Augen zu kommen. Er fürchtete unser erstes Zusammentreffen.
Dennoch war ich heimlich immer da. Ausgerüstet mit Fahrrad, Feldstecher und Fernmikrophon, um sie zu belauschen. Mein gesamtes Erspartes hatte ich dafür ausgegeben, um bei ihren Gesprächen mithören zu können!“
„Das nennt man beharrliche Verfolgung oder Stalking und ist strafbar! Ist ihnen das bewusst!“ ,rief Glatzl angeekelt.
„Um strafbar zu sein muss eine Kontaktaufnahme oder eine andere Beinträchtigung der verfolgten Person geschehen!“, warf sofort Dr. Hartner ein.
Horst erzählte unbeeindruckt weiter:
„Christa und Roland hatten bisher davon nichts mitbekommen.
Der schilfbewachsene Schotterteich mit den umliegenden Wiesen und dem kleinen Föhrenwäldchen, sowie das hölzerne Gartenhäuschen am Waldesrand, waren Eigentum des Landrates Luksch, dem Vater Christas.
Das Betreten war strengstens verboten.
Deshalb konnte man hier, wenn man das Verbot ignorierte, völlig ungestört, Zweisamkeit pflegen. Der schadhafte Zaun, der das Grundstück umgab, war kein Hindernis.
Gerne hätte ich das kleine Gartenhäuschen zu meiner und Christas Liebeslaube gemacht. Doch das scheiterte am erbitterten Widerstand Christas. Sogar, wenn es regnete, blieb die Holzhütte versperrt. Fast hatte ich den Eindruck, das Mädchen hätte Angst vor diesem Schuppen. Ich schlich mich eines Tages heimlich heran, um einen Blick durch die Fenster zu riskieren. Es hatte drei winzig kleine Räume. In dem einen stand nur ein Doppelbett. Es sah aus als wäre es eben verlassen worden.
Im mittleren Raum stand so etwas wie ein Gasgriller, offensichtlich mit Propan betrieben, ein Tisch, zwei Sessel sowie ein Regal vervollständigten die Einrichtung des zweiten Raumes. Dieser Raum sah im Gegensatz zu dem Bett nicht benutzt aus. Spinnweben überall Staub und Schmutz soweit ich durch die Vorhänge erkennen konnte. Der dritte Raum war mit Brennmaterial und Stroh gefüllt. Irgend jemand benutzte hier ausschließlich das Bett.
Doch eine Liebeslaube? Von wem? Mir lief es kalt über den Rücken. Doch nicht etwa Christa und Roland!?
Fast hätte ich im Schmerz laut aufgestöhnt und damit meine Stellung verraten. Nun fühlte ich mein Herz rasen. Ich konnte meinen schnellen Atem kaum unterdrücken. Ich überlegte allen Ernstes loszulaufen und die Beiden auseinander zu reißen!“
„Das wäre durchaus verständlich!“, meinte Thiemig verständnisvoll.
„Dann dachte ich, es könnte auch ein Obdachloser sein! Das vernünftige Denken nahm wieder Besitz von meinen Regungen.
Ich kannte Gerhard Riegler, den Obdachlosen, der seit Jahren um sein Haus kämpfte und kein Zuhause mehr hatte, seit er sich von seiner Lebensgefährtin trennte. Offensichtlich waren die Besitzverhältnisse nicht geklärt. Als er seinen Job verlor, weil er zu trinken begann, konnte er seine Schulden nicht bezahlen und das Haus verfiel der Bank. Er versuchte danach das Haus anzuzünden, was ihm einige Monate Gefängnis einbrachte.
Er könnte ja durchaus heimlich hier sein Notquartier haben.
Oder war er etwa derjenige welcher…?“
„Sie können beruhigt sein. Er war nicht der Vergewaltiger!“, warf Thiemig schnell ein. „Wir konnten das mit DNA-Proben klären!“
Er sah Glatzls Blick und hielt sich demonstrativ die Hand vor dem Mund um ihn zu beruhigen.
Thurners Aufregung begann sich zu legen.
„Ich dachte: Womöglich wusste Christa von seinem Jammer und ließ ihn heimlich gegen den Willen des Vaters hier hausen? Das wäre ihr zuzutrauen und könnte auch ihr Verhalten erklären, ihre Ablehnung, wenn ich sie in die Hütte locken wollte.
Ich war mir nach wie vor absolut sicher, dass Christa nur mich liebte.
Sie und Roland hatten bisher nur belangloses Zeug gequatscht.
Ich stellte mit Erleichterung fest, dass Roland ihr auch nicht nähergekommen sein konnte.
Ich nahm mir vor, Christa heimlich überall hin folgen. Was meine Anwesenheit in der Nähe der Hütte erklären wird.
Ich erwartete, dass Roland bald einen ähnlichen Fehler begehen würde wie ich.
„Soweit, so schlecht!  Wie kam es dann zu ihrem Angriff auf Roland Rieder?“
Bezirksinspektor Heinrich Glatzl hätte die Einvernahme gerne abgekürzt.
„Nun gut! Ich bin nicht stolz darauf. Aber er war doch mein bester Freund! Er hätte die Situation doch nicht so schamlos ausnützen dürfen! Vor allem nicht straflos!
Am ersten Schultag nach den Ferien konnte er sich nicht mehr fernhalten, wie er es seit meiner Entlassung aus dem Spital tat.
Ich wartete auf ihn vor dem Schulgebäude.
Gegrätschte Füße, verschränkte Arme und ein bitterböser Blick. Sie haben ihre Wirkung nicht verfehlt.
Eine größere Menge Schüler und Schülerinnen hatten sich eingefunden. Doch nicht um Roland beizustehen. Oh nein! Sie wollten nur zusehen wie er seine Abreibung bekommen würde.
Jeder kannte das Drama um meine Verletzungen. Niemand wusste woher ich sie hatte. Alle bemerkten Christas Wechsel zu Roland. Jetzt wurden sie und Roland von ihnen respektiert. Sie hatten Mut bewiesen!
Würde ich mich jetzt rächen? Die Neugierde war groß!
Ich ließ nicht lange auf meine Tat warten. Sobald Roland das Plateau vor dem Eingang erreicht hatte, schritt ich wortlos auf ihn zu, packte ihn mit einer Hand am Reverse und schlug mit der anderen flachen Hand immer wieder in sein Gesicht. Die Zuschauer schrien: „oohh… und aahh...!“, griffen aber nicht ein. Erst als Roland zusammensackte ließ ich ihn los und ging in das Schulhaus zurück. Er sollte nur merken, dass sich das nicht unter Freunden gehört. Es hatte nur Sekunden gedauert. Damit habe ich ihm einfach nur meine Freundschaft gekündigt. Ich hätte ihn doch deswegen nicht getötet.
„Wir haben ihnen schon erklärt, dass sie des Mordes an Roland Rieder nicht verdächtigt werden! Deshalb sind sie auch nur als Zeuge hier. Erzählen sie weiter, damit wir zu einem Ende kommen!“
„Jetzt strömten viele zu dem am Boden liegenden Roland und redeten auf ihn ein. Er blutete stark und schien benommen. Also wurde eine Rettung gerufen.
Ich beobachtete es von einem Fenster aus und es war mir klar. Dies würde mit einer Anzeige enden. Vielleicht hatte ich doch zu hart zugeschlagen. Aber man rechnet doch nicht, dass er sich überhaupt nicht wehrt – nicht einmal abwehrt. Er ließ es einfach geschehen. Das war offensichtlich seinem schlechten Gewissen geschuldet. Als die Rettung eintraf waren alle Zuschauer verschwunden, nur Roland saß blutend auf der Stiege. Roland schickte die Rettung weg und meinte, er sei nur die Stiegen herunter gestolpert. Dadurch wurde auch ein Polizeieinsatz gegen mich unnötig. Ich habe mich dafür nie bedankt.
Mein Stolz war größer als meine Dankbarkeit – und jetzt ist er tot, ermordet – aber nicht von mir!“
„Das war eine sehr ausführliche Geschichte. Was geschah am Unglückstag. Das wollten wir eigentlich wissen!“
„Ich musste ihnen die Geschichte erzählen, damit sie verstehen warum ich in der Nähe des Unglücksortes war!“
„Wir wissen jetzt, dass sie Christa nachspioniert haben! Können sie den Rest etwas abkürzen?“ polterte Glatzl.
Das ist ganz einfach. Ich sah Christa, wie sie aus dem Haus rannte, das Fahrrad nahm und in Richtung Teich fuhr. Ich folgte ihr in größerer Entfernung. Es war das erste Mal, dass ich sie in die Hütte eintreten sah. Das machte mich neugierig und ich fuhr näher ran. Eben als ich beschloss, mich anzuschleichen, um zu sehen, was sie tat, sah ich Herrn Riegler herannahen. Was wollte der mit Christa? Schon schoss der Zorn in mir hoch, da erkannte ich, dass er die Hütte durch den anderen Eingang in der Mitte betreten wollte. Ich sage – wollte, – denn dann knallte es und die Hütte flog in die Luft.
Ich sah Christa und den Herrn Riegler herausstürzen. Ich wollte helfen aber der Zaun verhinderte ein schnelles Eingreifen. Als ich endlich bei den Beiden war, stellte ich zu meiner Freude fest, dass sie beide unverletzt geblieben waren. Inzwischen brannte die Hütte lichterloh. Christa stand nur da, das Handy in der Hand und rührte sich nicht. Ich rief ihr zu: „Ruf doch die Feuerwehr!“, doch sie sagte nur: „Lass es brennen es soll brennen!“ Nun war es sowieso schon zu spät. Trotzdem rief ich die Feuerwehr an. Dann kamen auch schon sie!“
„Herr Thurner wir danken ihnen für diese ausführliche Aussage. Sie war sehr wertvoll und hat einige Unklarheiten beseitigt. Wenn sie dann bitte im Sekretariat ihre Aussage unterschreiben, dürfen sie gehen, Wir danken auch ihnen Herr Dr. Hartner, dass sie den jungen Mann nicht unterbrochen haben!“
Horst Thurner verließ mit hängendem Kopf, gemeinsam mit Dr. Hartner das Büro, in dem sie wegen des Fateuils die Vernehmung durchgeführt hatten.
„Als Nächstes brauchen wir diese Freundin – wie hieß sie?“
„Gabriele Mosel! Sie kann uns vielleicht die näheren Umstände der Bettverbrennung erklären!“, meinte Thiemig
„Oder der Vergewaltigung. Obzwar – wir wissen nicht, ob es eine Vergewaltigung war!“
„Die Bettverbrennung würde aber dafürsprechen!“
„Ja und dafür, dass es sich um einen engeren Bekannten handeln müsste!“
„Möglicherweise der Vater!“
„Das wäre die Erklärung für vieles, was an diesem Fall sonderbar ist!“
Da trafen sie Revierinspektor Johann Spreitzhofer
„Ich wollte gerade zu ihnen!“, verkündete er fröhlich, „wir haben Gerhard Riegler! Er wurde unmittelbar nach seiner Einvernahme von einem Auto angefahren und verletzt ins Spital eingeliefert. Dort war er die ganze Zeit. Daran haben wir nicht gedacht. Weil er keine Krankenkasse und kein Geld hatte wurde er vorzeitig entlassen. Eine Funkstreife erkannte ihn und nahm ihn vorläufig fest. Beim Präsidium angekommen trafen sie Staatsanwältin Eleonore Mayereder, die ihn sofort in Gewahrsam nahm. Sie verhört ihn gerade!“
„Ohne uns ein Wort zu sagen!“ ereiferte sich Glatzl
„Lass ihr doch die Freude. Sie wird sich die Zähne ausbeißen!“, lachte Thiemig schadenfroh.
„Richtig! Wir sprechen mit dieser Gabriele und nehmen uns Luksch noch vor. Mit einer DNA-Analyse könnten wir einen ersten Beweis haben!“
„Auch ein Motiv, seine Tochter zu ermorden und es als Selbstmord darzustellen!“, bekräftigte Thiemig.
Aussage Gabriele Mosel, beste und einzige Freundin der Christa Luksch
„Erzählen sie uns doch bitte, von Christa Luksch und was  sie ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt hat. Nun, da sie tot ist und vermutlich ermordet wurde, können sie mithelfen den Brand und den Tod aufzuklären.

Gabriele wischte sich Tränen aus den Augen.
„Es fällt mir nicht leicht und es liegt mir auch fern jemanden zu beschuldigen. Ja! Christa war seltsam, verschlossen und benahm sich manches Mal unerklärlich bockig. Es war für mich nicht leicht ihre Freundin zu sein. Ich nahm Christa jedoch einfach in Kauf wie sie war. Ich stellte keine Fragen. Dadurch waren wir uns sehr nahegekommen. Das glaubte Ich jedenfalls, bis zu diesem Ausbruch der Verzweiflung!“
„Welchen Ausbruch?“, fragte Gratzl interessiert.

„Christa hatte mir sonst nur von den Problemen in der Schule erzählt. Von dem Internetmobbing und der Ausgrenzung durch die Mitschüler. Von dem Horst und wie angenehm das Zusammensein mit ihm war. Das wiederum hat mich sehr geschmerzt, denn ich war schon lange vorher unsterblich, aber geheim, in Horst Turner verliebt. Ich wusste, dass er ein Filou war, deshalb war ich so sehr verwundert, dass er sich durch Christa scheinbar verändert hatte.
Solange er mit ihr war, ließ er alle anderen Mädchen links liegen. Aber Christas Verhalten war zuletzt so eigenartig, dass ich ihr solange zusetzte, bis sie zusammenbrach und schluchzend ihr nunmehriges Horrorleben erzählte. Es brach wie eine Sturzwelle aus ihr heraus. Ihr Vater missbrauchte sie seit ihrem sechsten Lebensjahr! Ich konnte nicht fassen, dass Christa dies alles Jahrzehntelang verschweigen konnte. Ich dachte doch, dass wir miteinander und untereinander keine Geheimnisse hätten. Ich dachte nur, dass Christa einen sehr strengen Vater hätte, der ihr nicht viel Freiraum ließ. Das wäre ja nach dem Tod seiner Frau und seiner plötzlichen Verantwortung als Vater verständlich und entschuldbar.
„Da haben sie gar nichts unternommen?“
„Weil ich nun ratlos war, weihte ich den neuen Freund Christas, nämlich Roland Rieder ein. Ich wollte ihn damit auch warnen, nicht den gleichen Fehler wie Horst zu begehen, denn ich mochte auch diesen liebenswerten, stillen Burschen. Ich fand, dass er besser zu meiner Freundin passte. Ich entschied diese Indiskretion, obwohl Christa mich auf den Knien angefleht hatte, nichts weiter zu unternehmen. Es als Geheimnis zu bewahren, wie sie selbst es seit Jahren tat.
Ich war dazu nicht in der Lage. Die Situation belastete mich so sehr, dass ich Hilfe brauchte!“
„Sie hätten die Polizei informieren müssen!“, brummte Thiemig verärgert, „das hätte uns eine Menge Ärger erspart!“
„Wir haben unschuldige Menschen verdächtigt, sogar festgenommen!“, schlug der Revierinspektor in die gleiche Kerbe.
Gabriele senkte schuldbewusst den Kopf.
„Das weiß ich jetzt auch. Aber Christa lebte noch! Ich hatte ein Geheimnis zu bewahren, doch das überforderte mich. Ich musste es jemanden erzählen. An wen könnte ich mich wenden. Es fiel mir nur Roland ein. Ich fand, als Christas neuer Freund, sollte er nicht so, wie ich selbst, belogen und hintergangen werden, was Christas Schicksal betraf. Ich hatte nur nicht bedacht, dass es ihm ähnlich, wie mir gehen könnte!“
„So ein Geheimnis ist doch eine schwere Belastung!“, stimmte Thiemig betroffen zu.
„Außerdem ist es Strafbar, wenn man Kenntnis von einem Verbrechen hat und schweigt!“, ereiferte sich Glatzl. Es fehlte ihm eindeutig an Empathie.
„Dann dachte ich auch: Möglicherweise wird er mit dem Wissen nicht fertig. Ich fürchtete nun, dass er es weitersagen würde oder selbst etwas unternehmen. Ich selbst konnte es ja auch trotz der flehentlichen Bitten Christas nicht bei mir behalten. Das wäre eine Katastrophe. Christa wollte die Sache selber klären. Denn als sich Christa ein wenig beruhigt hatte, sprang sie auf und sagte: „Das muss ein Ende haben. Ich werde dafür sorgen!“ Sie wirkte dabei sehr entschlossen. Was wenn ihr nun Roland unwissentlich in die Quere käme, weil er etwas unternehmen wollte? Ich wagte es kaum, mir auszudenken, was alles passieren könnte, weil ich Roland einweihte.

Tatsächlich passierte mehr als ich mir in Alpträumen ausmalen mochte! Dass Roland tot ist, ist vermutlich meine Schuld, denn er wollte den Vater trotz meiner Bitten zur Rechenschaft ziehen!“
„Daher hat er die Verletzungen! Roland hat ihn verprügelt!“, erkannte Glatzl die Lage.
„Jawohl und Luksch hat ihn brutal erschossen und den Hüttenbrand geplant, um ihn dann dem Gerhard Riegler in die Schuhe zu schieben, bzw. ihn damit gleichzeitig loszuwerden, genauso, wie wir gedacht hatten, es aber nicht beweisen konnten!“, jubelte Thiemig, zeigte seine Freude aber nicht ersichtlich. Er hatte es doch vorhergesagt.
Inzwischen hatten Polizisten den sträubenden Christian Luksch festgenommen und in einen der Verhör-Räume gebracht.
Dort tobte er.
„Das werden sie bereuen! Sie können sich schon vorbereiten Verkehrsdienst zu schieben. Ich bin Landesrat und habe Verbindungen!“
Glatzl und Thiemig ließen ihn eine Weile im Unklaren sitzen und besuchten den Nebenraum. Dort saß schwitzend, Eleonore Mayereder um aus Gerhard Riegler irgendeine, für sie brauchbare Aussage zu locken.
Glatzl und Thiemig schauten durch der Spiegel zu und amüsierten sich.
Sie wurden vom Chef Rat Magnus Westermayer in ihrem Amüsement brutal unterbrochen:
„Was haben sie hier zu tun? Hat der Mann gestanden?“
„Das glauben wir nicht, denn wir haben den Täter in der Nachbarkabine und wollten es eben der Frau Staatsanwalt mitteilen.!“
Rat Magnus Westermayer sah seine Inspektoren prüfend an:
„Sie haben doch etwas vor! Weihen sie mich ein!“
„Sie hat Gerhard Riegler festgenommen obwohl wir wiederholt gesagt haben, dass er unschuldig ist. Sie aber hat sich auf ihn festgelegt und verhört ihn, ohne uns Bescheid zu geben!“
„So denken wir, dass sie sich ein wenig dafür plagen soll!“, bekräftigte Thiemig.
Rat Magnus Westermayer schaute grimmig drein aber insgeheim musste er lächeln:
„Sofort klären sie Eleonore auf und beenden diese Farce!“, sagte er und verschwand Richtung seines Büros, um nicht loszulachen.
Er fand Staatsanwältin Eleonore Mayereder hatte diesen Streich verdient, denn sie verhinderte mit ihren Zögerlichkeiten manchmal ihre Arbeit.
Glatzl unterbrach Eleonores Verhör während sich Thiemig zu dem, sich inzwischen beruhigten Christian Luksch, in die Nachbarskabine setzte.
„Frau Staatsanwältin! Haben sie einen Augenblick?“
Staatsanwältin Eleonore Mayereder war froh, das Verhör ein wenig unterbrechen zu können. Sie war mit Gerhard Riegler keinen Schritt weitergekommen.
„Sie hatten recht! Er ist ein harter Brocken! Er beharrt darauf von dem Landesrat zu der Hütte bestellt worden zu sein und angeblich von der Leiche im Stroh nichts gewusst zu haben! Das aber ist äußerst unglaubwürdig, doch anderseits ist weit und breit kein Motiv in Sicht“, meinte sie betrübt.
Glatzl frohlockte innerlich. Er gönnte Staatsanwältin Eleonore Mayereder diese Niederlage. Er konnte sich nicht verkneifen einen Vorwurf loszuwerden:
„Warum haben sie mit dem Verhör begonnen, ohne uns Bescheid zu geben. Im Allgemeinen arbeiten wir doch gemeinsam an den Fällen, jedenfalls einvernehmlich! Wir sind inzwischen klüger geworden. Wir hatten aber noch keine Zeit zu berichten. Die Aussagen mussten noch überprüft werden!“
„Ich wollte keine Zeit verlieren. Untersuchungsrichter Erwin Kratochwil,
mit dem ich gut befreundet bin, quälte mich, ob wir denn in diesem Fall noch nicht weitergekommen sind!“
„Ich möchte ihnen gerne den wahren Täter vorstellen. Wir haben Beweise, es fehlt nur noch das Geständnis!“
Die Reaktion der Staatsanwältin war für Glatzl sehenswert.
Wie ruckte hoch, riss die Augen ungläubig auf und stotterte herum.
„Das ist nicht wahr!“
„Doch – sie können sich natürlich weiter mit Riegler plagen, während wir den Landesrat fertig machen!“, frohlockte Glatzl mit gespielter eiserner Miene.
„Der Luksch? Das kann nicht sein!“
„Doch – wir haben ihnen von unserem Verdacht berichtet. Wir hatten damals nur Vermutungen und den Verdacht!“
„Ist jetzt alles hieb- und stichfest? Wegen der politischen Brisanz können wir uns in diesem Fall einen Irrtum nicht leisten!““
 „Allerdings! Beweise und Motive. Falls sie bei dem Verhör dabei sein wollen, er sitzt nebenan!“
Jetzt erklärte Glatzl seiner Staatsanwältin auf die Schnelle den Stand ihrer Ermittlungen. Sie konnte es kaum glauben und war ganz begierig darauf, dabei zu sein. Sie wollte aber nur durch den Spiegel zusehen. Sie hatte für heute genug von Verhören.
Gerhard Riegler wurde mit vielen Entschuldigungen wieder fortgeschickt.

Verhör Christian Luksch Landesrat in Niederösterreich zust. Für Finanzen und Besitzer der Luksch-Werke
Christian Luksch merkte durch das Verhalten der Beamten, dass es diesmal anders laufen würde. Sie hatten etwas gegen ihn in der Hand! Er überlegte, wie er sich diesmal aus der Patsche holen könnte. Doch als Glatzl den Verhörraum betrat wurde bald klar, dass er chancenlos war.

„So – Herr Landesrat. Sie haben sich eines Inzests und zweier Morde schuldig gemacht!“
„Sie sind belehrt worden. Sie können auch einen Rechtsbeistand zur Seite holen. Dann werden wir sie dem Untersuchungsrichter vorführen. Unser Vorschlag ist: Legen sie ein freiwilliges Geständnis ab. Wir haben DNA-Beweise und Zeugenaussagen. Sie kommen aus der Sache nicht mehr heraus. Es wird sich auf ihr Strafmaß mildernd auswirken. Das wissen sie!“
Cjhristian Luksch sackte zusammen.
„Erklären sie doch mit ihren Worten, wie es dazu kam!“
„Also das mit dem Inzest stimmt nicht. Christa ist nicht meine Tochter. Sie ist ein Produkt eines Seitensprunges meiner verstorbenen Frau!“
„Das macht die Sache für sie nicht leichter. Sie haben sie seit ihrer Kindheit missbraucht!“ ereiferte sich Heinrich Glatzl.
Christian Luksch nickte mit dem Kopf.
„Vor fast zehn Jahren habe ich meine geliebte Frau bei einem Verkehrsunfall verloren!“
„Geliebte Frau? Obwohl sie von ihr betrogen wurden?“
„Natürlich! Das war Jahre her. Ich habe ihr verziehen und Christa als meine Tochter angenommen“!
„Damit sie jemanden zum Missbrauch haben!“, warf Glatzl ein.
Luksch überhörte den Vorwurf.
Er war völlig mit seinen Gedanken beschäftigt. Endlich konnte er darüber reden. Es war wie eine Befreiung.
„Wir waren beide betrunken gewesen. Damals schied ich aus der Bundespolitik aus und hatte nach einiger Zeit, bis ein wenig Gras darüber gewachsen war, in der Landespolitik weitergemacht. Inzwischen bin ich ein angesehener Landrat und bekam das Goldene Verdienstzeichen der Republik. Diese Auszeichnung wäre das mögliche Eintrittsticket in die Regierung.
„Wie die Zeit vergeht!  Damals war das Mädchen 6 Jahre alt!“
Glatzl und Thiemig nickten sich zu. Das Geständnis lief in die richtige Richtung.
„Das geliebte Kind hatte mir all die Jahre meine Frau ersetzt. Sie war ein stilles, ernstes Mädchen. Als sie noch klein war erheiterte sie die Menschen, weil sie immer so altklug war. Jetzt kam Christa wohl in das Alter, da man auf sie aufpassen musste. Ich wollte sie nicht an einen der Testosteron-Junkies verlieren, die um sie herumschlichen. Ich war mir dieser Gefahr bewusst, doch ich konnte sie ja nicht einsperren. Oder vielleicht doch?“
„Aber das ist doch ekelhaft!“, jetzt war Thiemig bestürzt und angeekelt.
Luksch ließ sich nicht stören und sprach unbeirrt weiter:
Ich hatte große Pläne. Mein Ziel war es Bundeskanzler zu werden. Dazu müsste mein Name bekannter werden. Nun schien ich die richtigen Leute kennengelernt zu haben. Es waren Leute, die ihre Macht im Hintergrund ausübten. Es wäre mir egal eine ihrer Schachfiguren zu sein; wenn ich dadurch an die Futtertröge der Macht käme! Es gäbe viele Möglichkeiten ihnen meinen Dank abzustatten!“
„Ungeheuerlich!“, stöhnte Eleonore Mayereder im Nebenraum.
„Christa hat sich toll entwickelt. Schön ist sie geworden! Mit anmutiger Gestalt – ja bereits mit allen Anzeichen einer jungen Frau. Sie ist schöner und strahlender als ihre Mutter!“
Bei diesem Gedanken huschte eine leichte Wehmut über sein Antlitz.
„Soweit schlecht. Wie kam es nun zu dem Mord an Roland Rieder?“
Dieses Geständnis anzuhören war für Thiemig fast unerträglich.
Glatzl blieb da viel gelassener. Er hatte schon viel erlebt in seinem Job.
Er war nicht so zart besaitet.
„Ich wollte also diesen Tag besonders feiern. Mit Christa natürlich. Aber irgend etwas stimmte mit ihr nicht. Sie schlug die Türe zu und rannte davon. Das hatte sie noch nie gemacht. Also genehmigte ich mir frustriert einige Drinks und bin offensichtlich berauscht eingeschlafen.“
„Geht das auch kürzer?“
Glatzl war schon wieder ungeduldig.
Jetzt erwachte Luksch offensichtlich aus seinen Träumen:
„Ja natürlich. Unsanft wurde ich aus meinem Schlummer gerissen.

Als ich die Augen öffnete, sah ich in in die verzerrte Fratze eines jungen Mannes. „Du Schwein!“, schrie dieser.

„Was zum Teufel!“, ächzte ich.

„Du vögelst mit deiner eigenen Tochter!“.
Das war für mich ein riesen Schock. Es war der Sohn einer meiner Mitarbeiter, Roland Rieder. Woher hatte er diese Information? Weiter konnte ich nicht denken, denn der Junge riss mich hoch, versetzte mir einen Stoß, so dass ich quer durch den Raum schleuderte. Ich war mit einem Male munter. Ich versuchte den Rasenden mit den Händen abzuwehren, jedoch dieser trat mit den Füßen nach mir. Auf allen Vieren kriechend meinte ich nun den Tritten zu entkommen. „Du wirst deine Tochter nie mehr angreifen!“, schrie er mich an. Erst nach einem Schlag auf den Kopf brach ich bewusstlos zusammen.
Nach dem Erwachen war mir klar, dass ich etwas unternehmen musste.
Ich war nun erpressbar und hatte keine Ahnung, was dieser Roland vorhaben mochte. Ich verschaffte mir über den Vater seine Handynummer, rief ihn an, um ihn beim Gartenhäuschen zu treffen und eventuell zu verhandeln. Als ich auf dem Weg zufällig meinen ehemaligen Angestellten Gerhard Riegler traf und er mich bat, ihn wieder anzustellen, kam mir die Idee. Als Arbeitsloser und Obdachloser würde er alles tun, um seine Situation zu ändern. Außerdem war er wegen eines Brandanschlages vorbestraft. Das würde ihn sofort verdächtig machen, wenn man ihn unmittelbar nach einem Mord am Tatort finden würde. Dafür sorgte ich. Ich erschoss den jugendlichen Erpresser und bestellte Riegler zur Hütte.  Ich drehte das Gas meines Grillofens ein wenig auf, damit ich mir ein Alibi verschaffen konnte. Ich fuhr auf schnellsten Weg in meine Firma und machte dort Rabatz. Jeder würde bestätigen, dass ich zur Tatzeit dort war. Es war klar, dass der starke Raucher das Gas zur Explosion bringen würde. Ich hatte doch keine Ahnung, dass Christa dort sein würde, um unser Bett zu verbrennen. Ihr sollte doch nichts passieren!“
„Sie haben Christa ja doch auch ermordet. Was sie nicht wussten: Sie hat unmittelbar davor einen Notruf abgegeben. Ein Selbstmord war daher nicht möglich, beziehungsweise sehr unwahrscheinlich. Wir haben das Handy bei ihnen zuhause gefunden!“
Das war nun für Christian Luksch neu und er brach entgültig zusammen.
„Sie hat mit mir Schluss gemacht! Ich konnte sie gerade noch aus euren Fängen reißen, bevor sie eine Aussage machen konnte. Sie war nun auch eine Gefahr für mich und meine Pläne. Dieser Roland war ihr Freund und sie würde seinen Tod an mir rächen. Ich musste sie töten. Ich versuchte es als Selbstmord zu tarnen. Von dem Notruf wusste ich nichts!“
Er saß da, mit den Händen vor dem Gesicht und bemitleidete sich selbst.
Er wurde verhaftet und
Staatsanwältin Eleonore Mayereder konnte ihrem Freund und Untersuchungsrichter Erwin Kratochwil eine Erfolgmeldung  bringen.
Otto Pikal                              2020

Der Tote am Seebenstein

Oder

Das geht an die Nieren

„Hast du so etwas jemals gesehen?“, flüsterte der Beamte.
„Vielleicht im Fernsehen. In unserem Ort hat es schon seit dreißig Jahren keinen Mord mehr gegeben“, kam die erschütterte Entgegnung.
„Wie kann jemand so unmenschlich und grausam sein?“
Die Leiche lag eingehüllt in Plastik auf dem Boden, Hände und Füße mit einem breiten Klebeband gefesselt, den Mund zugeklebt. Die weit aufgerissenen Augen ließen nur erahnen, was der Sterbende gefühlt haben mochte. Man konnte selbst durch das Plastik sehen, dass der Bauch brutal aufgeschlitzt wurde. Das Blut wurde aber offenbar sorgfältig weggewischt. Für die beiden Polizisten eine Tat des Grauens in einem kleinen friedlichen Ort. Sie hatten bisher nur Verkehrstote auf der nahen Südautobahn gesehen.
Wie zum Hohn ging strahlend die Sonne über dem Bergkamm auf. Sie beleuchtete die majestätisch aufragende Burg Seebenstein in einem unwirklich erscheinenden Orange. Doch niemand beachtete das Schauspiel, das ihnen die aufgehende Sonne mit ihrem Morgenrot bot. Zu sehr waren sie mit dem Grauen, das ihnen die zu Füßen der Burg liegende Leiche bereitete, beschäftigt.
„Es war ein kaltblütig geplanter Mord. Es wurde ihm mit chirurgischer Präzision die Niere herausgeschnitten!“, meinte der herbeigerufene Gemeindearzt.
„Mit chirurgischer Präzision?“, wiederholte ungläubig der leitendende Beamte Rayonsinspektor Gattermeier.
„Ja – man hätte sie in diesem Zustand vermutlich irgend Jemandem einpflanzen können.“ Der Arzt beendete seine Untersuchung.
„Unverständlich ist nur, warum der Täter die so exakt herausoperierte Niere dem Toten zwischen die Füße legte. Das macht doch keinen Sinn!“
„Vielleicht eine Botschaft – ein Racheakt.“
„Keine Ahnung! Das ist euer Bier. Meine Arbeit ist getan. Ich würde vorschlagen, dies einen Pathologen beurteilen zu lassen.“ 
„Er hat recht. Das übersteigt unsere Kompetenz. Wir brauchen Hilfe! Ich informiere zuerst mal den Chef!“
Inspektor Gattermeier tat sich schwer mit dieser Entscheidung. Er mochte die Wichtigtuer in Zivil nicht. Doch dieses Verbrechen war speziell. Es war ein Fall für die Kriminalpolizei.
Gattermeiers Abneigung war allerding aus dem Frust geboren, dass er im Gegensatz zu seinem damaligen Partner bei einer wichtigen Beförderung übergangen wurde. Aus seinen Reaktionen darauf folgten die Degradierung und Versetzung hierher.
Er verscheuchte die finsteren Gedanken und erstattete seinem Postenkommandanten Bericht.
In einigem Abstand davon hatte sich der völlig verdatterte Zeuge Leo Handler auf einer Bank vor dem Burggraben niedergelassen. Sein Vorstehhund Max, der schuld an dem Fund war, lag gelassen neben ihm.
Gattermeiers Partner nahm die Personalien auf.
„Eines würde mich auch sehr interessieren. Waren sie hier ohne Leine unterwegs?“
„Was soll ich sagen – der Hund muss das Blut gerochen haben. Er riss sich los und stürmte wie ein Raubtier auf den Mann mit der Leiche los. Dieser ergriff sofort die Flucht, aber Max interessiert sich nur noch für die Leiche. Das hat er so gelernt. Ich musste ihn fast mit Gewalt davon wegziehen.“
„Können sie den Mann beschreiben?“
„Wie denn – es war doch noch finster. Ich gehe gerne mit dem Hund frühmorgens los.“
„Vermutlich ohne Leine und Beißkorb!“ ätzte der Beamte.
„Ich bitte sie! Das ist ein abgerichteter Jagdhund! Er folgt aufs Wort!
Wir machen hier auf der großen Wiese vor der Burg unser tägliches Dummy-Training. Um ungestört zu sein sind wir sehr früh unterwegs. Der Hund braucht nichts zu sehen – er soll den Dummy wittern. Bisher haben wir hier noch nie jemanden angetroffen.“
 „Was bitte ist ein Dummy-Training?“
„So wie manche Leute ihren Hund mit Stöckchen oder Bällen beschäftigen, machen wir das mit sogenannten Dummys. Das sind Attrappen, mit deren Hilfe wir dem Hund Aufgaben stellen. Ich bin pensionierter Jäger. Der Max ist es seit Jahren gewöhnt, an meiner Seite zu sein und zu warten bis er in Aktion treten darf. Wir waren eben erst an der Lichtung angekommen. Wir waren noch nicht so weit.“       
„Wieso riss er sich dann los?“
Herr Handler wand sich ein wenig, peinlich berührt.
„Ja, in diesem Fall…es muss der Blutgeruch gewesen sein. So hat Max noch nie reagiert! Es sah nur so aus als würde er sich auf den Mann stürzen. Er war an der Leiche interessiert. Es ist ein braver Hund.“
Er strich dem Hund zärtlich über den Kopf. Dieser quittierte es mit einem freudigen Schwanzwedeln.
„Ist ihnen sonst etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“
„Er hatte seinen Wagen auf dem Forstweg am unteren Ende der Wiese abgestellt. Da war er für uns nicht zu sehen, denn wir kamen von der anderen Seite über die Serpentinen. Der Forstweg liegt etwas tiefer als die Wiese und war von Gebüschen verdeckt.“
„Natürlich! Er musste die Leiche ja irgendwie heraufgebracht haben. Sie haben den Wagen nicht gesehen?“
„Das Fahrzeug selber nicht, aber für kurze Zeit das Scheinwerferlicht, während er es ohne Motor bergab laufen ließ!“
„Wie weit waren sie entfernt?“
„Auf der anderen Seite der Wiese, etwa 150 Meter. Der Max muss trotz der Dunkelheit die Bewegung wahrgenommen und dann das Blut gerochen haben. Bis ich bei dem wartenden Max ankam war nichts mehr zu hören oder zu sehen.“
Es war inzwischen heller Tag geworden. Ein sonniger Frühlingstag. Die Burg erstrahlte im Sonnenlicht. Fast majestätisch, fand Inspektor Pasching und musste sich von dem Anblick losreißen, um mit der Befragung fortzufahren.
Der Inspektor war schon ein wenig genervt. Dieser Zeuge war nahezu unbrauchbar. Der Polizist unterdrückte mit Mühe einen Fluch.
Da kam auch noch Inspektor Gattermeier herbei und war mit dem Ergebnis der Befragung unzufrieden.
Er sah sich um. Der Forstweg war zwar breit genug, doch ein normales Fahrzeug könnte den steilen, mit Felsbrocken übersäten Weg sicher nicht schaffen.
Er lag etwas tiefer als die Wiese und es mündete ein zweiter Waldweg schräg von der Seite so ein, dass es einfach war das Fahrzeug auf dieser Art Kreuzung umzukehren und Talwärts zu stellen.
Gebüsche begrenzten die Wiese man würde es selbst bei Tageslicht kaum sehen.
„Mit diesem Zeugen werden Sie keine Freude haben!“
„Schicken Sie den Zeugen nach Hause. Bis das LKA kommt wird es noch dauern. Die kommen aus St. Pölten.“
„Warum nicht die Beamten des Bezirkskriminalamtes aus Wiener Neustadt. Das wäre doch wesentlich näher?“
„Weil der Fall für die hohen Herren offensichtlich interessant ist.“
Man konnte deutlich den negativen Unterton des Inspektors hören.
Otto Pasching schwieg. Es war ihm bekannt, aus welchem Grund sein Partner auf die Zivilkollegen nicht gut zu sprechen war.
In einem Punkt hatte sich Inspektor Gattermeier jedenfalls geirrt.
Die Beamten des LKA waren schneller da als gedacht.
Plötzlich knatterte es über den Bäumen und ein Polizeihubschrauber landete inmitten der Burgwiese.
„Die kommen mit dem Hubschrauber. Ich kann es nicht glauben!“, entfuhr es dem Streifenpolizisten.
“Hat aber eine Logik! Von St. Pölten hierher wäre eine längere Fahrzeit nötig!“
Otto Pasching schüttelte den Kopf. „Ich sage doch – sie hätten auch von Wiener Neustadt…“
Der Inspektor unterbrach ihn und ging den drei Gestalten, welche über die ehemalige Turnierwiese rannten, entgegen. Er kannte sie und es war ihm klar, welche Häme ihn erwartete.
„Na sieh einer an – unser zukünftiger Leutnant. Noch immer nicht geschafft?“, wurde er von Leutnant Friedhelm Matzinger, einem ehemaligen Freund, begrüßt. Ehemaliger Freund deshalb, weil ihm Feri Gattermeier nach einer süffisanten Bemerkung über seine nicht erfolgte Beförderung ein blaues Auge schlug.
Leutnant Matzinger wechselte schnell das Thema, als er die Wut in den Augen seines ehemaligen Freundes und Partners aufkommen sah.
„Das ist Inspektor Kurt Thiemig und jener hier unser Pathologe Gary Strobl“, deutete er auf seine Begleiter.
„Revierinspektor Feri Gattermeier und das ist Inspektor Otto Pasching von der Verkehrspolizei“, brummelte Gattermeier unwirsch.
Es ärgerte ihn, dass ihm die ehemaligen St. Pöltner Kollegen den Matzinger, seinen ehemaligen Partner, vor die Nase setzten.
Ihr Disput hatte Wellen geschlagen und für Gattermeier die Rückstufung und die Versetzung nach Schwarzau bedeutet. Es war eine Strafversetzung. Schwarzau war nur bekannt für das Schloss Schwarzau, in dem Kaiserin Zita und Kaiser Karl am 21. Oktober 1911 heirateten
. Heute dient das Schloss als Strafvollzugsanstalt für Frauen. Es ist sonst ein unbedeutender 2000 Seelen-Ort südlich von Wiener Neustadt am Beginn der sogenannten „Buckligen Welt“ im Südosten Niederösterreichs. Eine ruhige und friedliche Gegend im Osten des Bezirks Neunkirchen. Einzig der nahe Autobahnknoten Seebenstein, mit seinen vielen Verkehrsunfällen, sorgte hie und da für ein wenig Abwechslung.
Der Leutnant vermied nun jeden hämischen Unterton.
„Was haben wir?“
„Vielleicht eine missglückte Operation! Es wurde ihm tatsächlich fachgerecht die Niere entnommen und zwischen die Beine gelegt. Der Tod ist vor etwa 12 Stunden eingetreten. Die Leiche wurde gesäubert und in Plastik eingewickelt. Mehr kann ich im Moment nicht sagen.“
Der Pathologe schleppte gemeinsam mit dem Piloten und Inspektor Pasching das schwere Paket in den Hubschrauber.
Sie ließen Leutnant Matzinger und Inspektor Thiemig zurück.
„Gibt es irgendwelche Spuren?“
„Ein Hund hatte den Täter verjagt und die Leiche gefunden!“
„Ob es der Täter war ist noch nicht klar!“, verbesserte Leutnant Matzinger.
Gattermeier schluckte die böse Antwort herunter. Heute würde er sich keine Blöße geben. Vielleicht war die Tatsache, dass sie ausgerechnet Matzinger schickten, ein Test des LKA. Vielleicht gab es eine Chance für ihn, noch einmal ins „Landes-Kriminal- Amt zu wechseln!
Der Leutnant sah den Forstweg und schüttelte den Kopf.
„Spuren werden wir hier kaum finden. Hier kommt ein normales Fahrzeug ganz sicher nicht herauf. Es muss sich um ein geländegängiges Fahrzeug handeln. Das ist eine Spur. Wo ist der Hundeführer?
„Wir haben ihn nach Hause geschickt. Wir konnte ja nicht ahnen, dass ihr mit dem Hubschrauber ankommt. Aber er wohnt hier am Fuße des Berges!“
„Ihr habt den Zeugen einfach weggeschickt? Vor unserer Ankunft?“
Der Leutnant vermied es das Wort „Du“ zu sagen, obwohl er eindeutig der Meinung war, dass Feri dafür verantwortlich war.
Otto Pasching hatte inzwischen per Handy den Leo Handler gebeten, noch einmal an den Fundort zu kommen. Dieser willigte ein. Es würde ein paar Minuten dauern.
Friedhelm Matzinger war verärgert. Er fand es eine Schlamperei.
Inzwischen war die Spurensicherung aus Neunkirchen eingetroffen und nahm ihre Arbeit auf.
Nun kam auch Leo Handler mit seinem Auto an.
Der Leutnant nahm ihn mit auf die Seite zu der Bank, um ihn zu befragen.
Otto flüsterte Feri zu: “Jetzt macht er sich wichtig. Ich habe Handler doch schon befragt.“
„Wir müssen ganz cool bleiben. Egal wie er reagiert!“, sagte Gattermeier mit bitterem Unterton.
Inspektor Thiemig gesellte sich zu den Beiden.
„Der Leutnant ist nicht begeistert“, begann er. „Man kann die Spannung zwischen ihm und Ihnen, Inspektor Gattermeier, spüren. Das ist nicht normal.“
„Das hat einen aktuellen Grund, über den wir nicht sprechen wollen!“, wehrte Gattermeier sofort ab.
Thiemig schwieg, nahm sich aber vor herauszufinden was hier los war. Diese Frostigkeit der Beiden war doch spürbar. Das war keine Basis für eine gute Zusammenarbeit.
„Hat die Spurensicherung irgendwelche Erkenntnisse?“
Gattermeier war froh, ablenken zu können.
„Tut mir leid. Hier war nichts zu holen. Der Weg ist zu steinig. Möglicherweise haben wir mit Fingerabdrücken auf dem Plastik Erfolg. Das müssen wir im Labor untersuchen, denn die Leiche ist schon weg.“
„Bevor die Spurensicherung ihren Teil getan hat?“, wunderte sich jetzt Inspektor Thiemig.
„Zu der Zeit war schon der Matzinger verantwortlich!“, ätzte Feri Gattermeier, “ich wasche meine Hände in Unschuld!“
Inspektor Kurt Thiemig unterdrückte die Bemerkung, die er eben machen wollte. Leutnant Matzinger hatte seine Befragung beendet und kam heran.
„Nun? Gibt es etwas Neues?“, fragte er. Die drei Beamten schüttelten den Kopf.
„Keine Spuren? Auch nicht von dem geparkten Wagen?“
„Nichts dergleichen!“
„Verdammt! Was wollte der Verdächtige bloß hier. Er hätte den Toten im Wald längst ablegen können. Hier ist doch weit und breit nichts.“
Der Leutnant blickte sich ratlos um.
„Da sind Sie im Irrtum. Er wollte die Leiche für immer verschwinden lassen!“, widersprach Inspektor Pasching. „Er kannte sicher die Gegend rund um die Burg Seebenstein!“
„Ja zum Teufel – wie denn?“ Friedhelm wurde ungeduldig. Der Fall war ihm ein Rätsel. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und er verspürte Hunger.
Otto Pasching war stolz dieses Geheimnis lüften zu können.
„Ganz einfach. Er wollte die Leiche in den Brunnen werfen!“
Triumphierend blickte er in die verdutzten Gesichter.
„Brunnen? Wo ist hier ein Brunnen?“
Auch Gattermeier hatte davon noch nie gehört.
„Hier hinter dem Zaun. Das sind nur ein paar Schritte.
„Da ist ein Brunnen. Als Kinder haben wir dort Steine hineingeworfen. Es dauerte immer einige Sekunden bis man es klatschen hörte! Das ideale Grabesversteck für einen Ermordeten. Der Brunnen soll eine Tiefe von 150 Metern haben. Wer weiß wie viele Leichen da schon drinnen liegen!“
„Grabesversteck - jetzt geht ihm die Phantasie durch!“, dachte Thiemig.
Sie setzten sich in Bewegung, um den Brunnen zu begutachten.
Etwa 100 Meter vom Eingang der Burg entfernt und auf der anderen Seite von dem Forstweg kaum 30 Meter, stand ein riesiger Ahornbaum, von ein paar Gebüschen und einem Zaun umgeben. Man musste sehr nahe herankommen, um das Brunnenloch zu sehen. Es war einfach am Boden ohne besondere Umrandung angelegt.
„Um Himmels Willen das ist ja ein Riesending! Das sind ja annähernd drei Meter im Durchmesser. Frei zugänglich! Der Zaun ist doch kein Hindernis. Das Loch sollte doch abgedeckt sein!
„Ja, vor allem weil an dem Zaun noch die Bank steht. Es ist nicht allzu schwer, mit der Leiche auf die Bank zu steigen und sie auf nimmer wiedersehen verschwinden zu lassen.
„Das war also der Plan!“
„Er hätte es beinahe geschafft, wenn ihm der Hund nicht in die Quere gekommen wäre.
„Es sollte also jemand sein, der sich hier auskennt.“
„Das muss nicht sein!“, widersprach Leutnant Matzinger.
„Es ist möglich, dass man eine Erwähnung im Internet findet. Dazu muss man nicht von hier sein.“
Revierinspektor Feri Gattermeier war anderer Ansicht, doch er schwieg.
„Damit wären wir hier oben fertig. Ich habe Hunger! Gibt es in dem Nest ein Lokal, wo man essen kann?“
„Es gibt eine Pizzeria in der Nähe des Bahnhofs“, erklärte Otto Pasching stolz. Er fand, dass er einen wichtigen Beitrag zur Klärung des Falles beigetragen hatte.


„Fassen wir also zusammen!“, meinte Leutnant Matzinger als sie sich im Extrazimmer der Pizzeria „Am Spitz“ hingesetzt hatten.
„Eines scheint klar zu sein. Die Operation könnte irgendwo gemacht worden sein. Ganz offensichtlich handelt es sich um einen fehlgeschlagenen Organhandel!“
„Das wäre in dieser Gegend eher unüblich. Illegal Organe zu entnehmen ist ein gutes Geschäft. Aber in Österreich? Das wäre neu.“, widersprach ihm Gattermeier.
„So eine Niere kann bis zu 160 000 Euro bringen!“, warf Thiemig ein.
„Dafür würde man Strukturen brauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die bei uns vorhanden sind!“, meinte Gattermeier wieder.
„Was nicht ist, kann noch werden“, sagte der Leutnant.
Er war mit der Pizza zufrieden.
„Außerdem – es ist nicht mehr dein Problem.“, wandte er sich an Inspektor Gattermeier, triefend vor Hohn. Er hatte die Abreibung von damals noch nicht überwunden.
„Die weiteren Untersuchungen können wir von St. Pölten aus machen. Aber es war nett, dich wiederzusehen Feri. Auch wenn du nachtragend bist. Ich wünsche dir für deinen weiteren Berufsweg das Beste, was du haben kannst.“
Er wandte sich zu Thiemig: „Wir nehmen die Bahn. Da haben wir Zeit zu überlegen. Vermutlich müssen wir Interpol einschalten!“
Für diese Aussage würde ihm Gattermeier am liebsten noch ein Veilchen aufs Auge verpassen, doch er beherrschte sich.
„Das Beste was ich haben kann!“, murmelte er vor sich hin. „So eine Frechheit. Der wird sich noch wundern!“
Er sah den Beiden nachdenklich hinterher, als sie zum Bahnhof schritten.
„Meinen Sie auch, dass es hier um einen illegalen Organhandel geht?“, fragte Inspektor Pasching seinen Partner.
„Nein! Es spricht einiges dagegen. Die Sorgfalt, mit der der Körper der Leiche gesäubert wurde spricht dafür, dass sie einander gut kannten. Es muss eine Beziehung zueinander gegeben haben!“
„Damit sind Sie aber auf einem völlig anderen Weg als Leutnant Matzinger!“
„So ist es. Er will uns los werden, aber wir werden den Fall ohne ihn aufklären!“
Er richtete sich auf. Energie durchströmte ihn. Sein Plan stand fest.
„Ich habe noch freundschaftliche Verbindungen nach St. Pölten. Auf diese Weise werde ich Friedhelms Fortschritte mitverfolgen können!“
„Sie wollen auf eigene Faust recherchieren? Ohne Genehmigung von oben?“
„So ist es und Sie werden mir dabei helfen!“
Es hörte sich nicht so an als würde er eine Widerrede dulden.
„Riskiere ich damit nicht meinen Job?“
„Ich werde den Postenkommandanten teilweise einweihen. Damit machen wir ihn mitschuldig. Er wird sich hüten, uns in die Quere zu kommen. Wir lösen den Fall, aber ich kann es nicht allein. Werden Sie dabei sein?“
Die Sicherheit des Revierinspektors irritierte Inspektor Pasching. Doch genau betrachtet, versprach die Sache interessant zu werden. Interessanter jedenfalls als nur Verkehrsunfälle, mit denen er es normalerweise zu tun hatte. Er nahm einen tiefen Atemzug.
„In Ordnung – ich bin dabei und hoffe, dass Sie wissen was sie tun!“
„Als Erstes muss man herausfinden wer der Tote ist. Ich denke – das wird Friedhelm sehr bald geschafft haben. Also auf gute illegale Zusammenarbeit.“
Bei dem Wort „illegal“ zuckte Otto zusammen, aber schließlich reichte er dem Revierinspektor die Hand zum Bund. Feri sah sich seinem Ziel so nahe wie schon lange nicht mehr. Sollte er den Fall lösen, würden sie ihn mit Kusshand wieder nach St. Pölten holen. Das war sein Ziel.

Leutnant Matzinger gründete inzwischen eine SOKO - Organhandel. Sie forschten gemeinsam mit Interpol nach illegalem Organhandel in Österreich oder Deutschland. Eurotransplant war normalerweise die Plattform, mit der offiziell mit Organen gehandelt wurde. Doch bald erkannte Friedhelm, dass es tatsächlich zu wenig verfügbare Organe gab. Das wiederum spielte dem illegalen Handel mit Organen in die Hände. Todkranke Patienten waren offensichtlich bereit, jeden Betrag für die Rettung ihres Lebens zu bezahlen.
In Österreich war allerdings kein illegaler Fall bekannt. Rundum und vor allem in Osteuropa sowie Pakistan und Indien war von Mafia-Umtrieben die Rede.
Hier im Lande war jeder automatisch Organspender, es sei denn er distanzierte sich zu Lebzeiten davon. Es gab trotzdem lange Wartelisten. Die Leute der SOKO - Organhandel wurden mit viel Leid konfrontiert, so dass man fast verstehen konnte, wenn jemand illegal ein Organ erwerben wollte. Fast immer war jedoch die Organentnahme im Rahmen eines Verbrechens geschehen. Manche wurden entführt und wachten mit einer entnommenen Niere auf. Manche wachten nicht mehr auf. So wie der Tote bei Burg Seebenstein.
Man kannte inzwischen seinen Namen. Es war Ferenz Wadosch, ein pensionierter Immobilienmakler.  Er lebte völlig unauffällig in einem Haus am Rande von Wiener Neustadt. Die Befragung der Nachbarn ergab nichts. Sie hatten weder etwas gesehen noch Verdächtiges gehört.

Gattermeier hatte einen anderen Plan. Er musste dafür warten, bis Matzingers Beamten das Feld wieder räumten.
„Was wollen Sie noch herausfinden, wenn doch die SOKO – Leute schon hier waren?“, fragte Otto Pasching erstaunt, während sie durch die Gassen rund um das Haus des Toten wanderten. Beide trugen keine Uniformen, um niemanden zu beunruhigen. Otto fühlte sich dabei sehr unwohl.
„Wenn das nur gut geht!“, hoffte er.
„Ich suche jemanden, der für Tratsch empfänglich ist!“, sagte Feri Gattermeier mit suchendem Blick. Plötzlich spannte sich sein Körper. Er dürfte fündig geworden sein.
„Gehen Sie zum Auto!“ sagte er zu seinem Partner. „Lassen Sie sich Zeit und kommen Sie nach ungefähr einer viertel Stunde mit einer Kamera wieder!“
„Aber wir haben doch Handys!“
„Tun Sie, wie ich sage. Vielleicht haben wir Erfolg. Manche Menschen werden von mehreren Personen eingeschüchtert. Da kann ein Einzelgespräch helfen!“
Otto verstand. Er ging zu dem Auto, das etwas weiter um die Ecke parkte.
„Ich bewundere Ihren Blumengarten!“, rief Feri der alten Dame zu, die sich am Fenster hinter dem Vorhang zu verstecken suchte. Dennoch war sie neugierig genug, um immer wieder dahinter hervor zu blicken.
„Der ist nicht nur schön, das ist auch Bienenfutter. Sie haben ein Herz für Insekten. Das kann man an den Insektenhotels im hinteren Garten sehen!“ Die Dame reagierte nicht.
„Ganz anders als der Garten da gegenüber. Er ist kalt und schmucklos.
Eine Schande. Zwar sehr gepflegt, aber ohne Leben!“
Diesmal reagierte die Dame und schob den Vorhang beiseite.
„Sie haben recht. Es ist eine Schande. Man könnte so viel Schönes aus diesem Garten machen!“
„Die sind eben keine Gartenliebhaber!“
„Es gibt nur einen Er und wie man hört ist er gestorben!“
„Ja! Ich habe es auch gehört, aber die näheren Umstände waren etwas seltsam!“ Feri sprach absichtlich leiser, so dass sie die letzten Worte kaum mehr verstehen konnte.
Das weckte ihre Neugier noch mehr und sie öffnete die Haustüre und blieb in der Nähe stehen.
Feri Gattermeier trat bewusst vom Gehsteig etwas zurück auf die Straße. Wenn er sprach, wurde er immer schwerer hörbar. Das strengte die Dame an.
„Ach kommen Sie doch herein, so spricht es sich leichter!“, sagte sie schließlich und öffnete die Gartentür. Die Neugier hatte über ihre Vorsicht gesiegt. Nun lobte Gattermeier sie für jede Anlage in ihrem Garten. Sie führte ihn geschmeichelt herum, doch schließlich wollte sie mehr über den Tod des Nachbarn wissen.
„Setzen wir uns doch in die Laube und ich mache Ihnen einen Tee“, bestimmte sie schließlich. Feri war mit dem folgenden Gespräch sehr zufrieden und als Otto mit dem Fotoapparat auftauchte, stellte er ihn als Fotograf einer Zeitung vor. Otto spielte mit und sie fotografierten eifrig die alte Dame, das Haus und die vielen wunderschönen Blumen.
Auf dem Heimweg fragte Otto Pasching verblüfft.
„Wie haben Sie es nur geschafft so intim ins Gespräch zu kommen?“
„Menschenkenntnis, junger Mann – Menschenkenntnis - das erwirbt man bei der Kriminalpolizei. Außer man heißt Friedhelm Matzinger!“ Dieser Seitenhieb auf seinen ehemaligen Partner musste sein.

 

Leutnant Matzinger war unzufrieden mit dem Ergebnis der Befragungen in der Nachbarschaft des Verstorbenen. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen.
Der Mann war ein verschrobener Einzelgänger ohne Kontakte. Man hatte auch den Eindruck, dass niemand über seinen Tod unglücklich war. Das Grundstück war von mannshohen Gebüschen umgeben. Es war von keiner Seite richtig einzusehen. Ein Nachbar erzählte, dass er eine Tochter gehabt hätte, die er von allen fernhielt.
Bisher waren sie diesbezüglich noch nicht fündig geworden. Sie lebte offensichtlich schon längere Zeit nicht mehr dort. Eine Durchsuchung des Hauses ergab nichts. Sie war wie ein Geist. Keine Andeutung auf ein Mädchen oder eine Frau.
Der Mann war ein gebürtiger Ungar. Man kontaktierte die ungarischen Behörden. Vielleicht ergäbe das ein weiterkommen. Es ergab einen Treffer. Ein Mann seines Namens war als Pädophiler bekannt. Er flüchtete noch während der Zeit des „Eisernen-Vorhangs“ nach Österreich und wurde nicht weiterverfolgt. Könnte es eine Spur sein?
Wenn er eine Tochter hatte, dann vielleicht auch eine Frau. Das müsste doch zu eruieren sein.
Man durchsuchte in Wiener Neustadt sämtliche Heiratsdaten der letzten 40 Jahre, kam aber zu keinem Ergebnis.
„Er könnte ja auch unverheiratet eine Tochter haben.“
Aber auch die Suche über den Familiennamen des Getöteten gab kein Ergebnis.
„Es war ein Pädophiler, Womöglich war sie seine Sexsklavin und er hat ihre Spur gelöscht!“
„Sie müsste doch in die Schule gegangen sein!“
„Ist irgendwie blöd, wenn man keinen Namen hat. Vielleicht hilft der Zufall!“
Also durchsuchten sie Schulregister. Ergebnislos!
Inzwischen kamen Meldungen von Interpol. Es gab keinen Zusammenhang zu Österreich oder Wiener Neustadt in Bezug auf illegalen Organhandel.
„Was nicht bedeutet, dass es ihn nicht gibt!“, knurrte Leutnant Matzinger entnervt.
„Wir drehen uns im Kreis und finden keine Anhaltspunkte. Er hat sein Leben sehr unter Verschluss gehalten!“
„Vermutlich aus gutem Grund!“
„Kann es nicht sein, dass jemand nur Rache üben wollte und es auf diese Weise tat?“
„Das widerspricht jeder Logik. Es ging um die Niere. Aber es könnte sein, dass sie plötzlich nicht mehr gebraucht wurde!“
 „Er hatte doch noch seine zweite Niere. Er hätte überleben können!“
„Vielleicht hat er seine Peiniger gekannt und musste deshalb sterben!“
„Nein! Die Art wie die Verletzung behandelt wurde, im Gegensatz zur Niere, zeigt eindeutig die Tötungsabsicht.“
„Ich sage, es ist Organhandel, der irrtümlich aufflog oder irgendwie schief ging. Man musste den Spender schnellstens entsorgen!“, legte sich Matzinger fest.
„Die Art der Entsorgung spricht aber für einen Ortskundigen!“, war sich Thiemig sicher.
Der Leutnant wischte das Argument mir einer Handbewegung weg.
„Man kann heutzutage jede Information im Internet bekommen. Auch die von dem Brunnen auf Seebenstein!“

 

Revierinspektor Gattermeier war zufrieden. Sein Informant Georg Hofreiter aus dem LKA – St. Pölten teilte ihm mit, dass die SOKO – Organhandel in Bezug auf das Opfer schlampig recherchierte. Statt im Umfeld des Ermordeten weiter zu suchen, konzentrierten sie sich auf den internationalen, illegalen Organhandel. Da hatten sie viel zu tun, denn dieser Handel florierte und war nicht leicht zu durchschauen. Interpol war keine große Hilfe aber der Leutnant hatte sich festgebissen und gab nicht auf.
Gut für Gattermeier, denn er hatte nicht nur seinen Freund im LKA, sondern auch die alte Dame als Nachbarin des Ferenz Wadosch. Sie glaubte die Familienverhältnisse des Opfers zu kennen.
„Das Haus gehört seiner ehemaligen Lebensgefährtin. Mit der hatte er eine Tochter. Diese liebte ihren Vater abgöttisch und blieb auch nach der Trennung von der Mutter bei ihm. Es wurde gemunkelt, dass die beiden mehr als nur Vater und Tochter waren.
 Das Mädchen – inzwischen eine junge Frau – war plötzlich verschwunden. Angeblich hatte sie geheiratet und ein Kind bekommen.
Ab diesen Moment ging es mit Ferenz seelisch bergab. Er wurde zum wunderlichen Einsiedler. In der Siedlung mied man ihn wo es möglich war. Das war ihm egal. Er wollte nur seine Ruhe haben.“
Das waren gute Informationen, die das LKA nicht hatte. Diese suchten vergeblich nach Erben des Verstorbenen.
Doch die Information, dass jenes Haus der ehemaligen Lebensgefährtin gehörte, war Goldes wert.
So fand er den Namen der Lebensgefährtin und ihrer Tochter heraus.
Hoch der österreichischen Bürokratie. Man kann sich in diesem Land nicht leicht verstecken. Sie hieß Helga Schopp und ihre Tochter war Iris Kaindl.
Helga Schopp wohnte mit ihrer 80jährigen Mutter in deren Häuschen in der Nähe des Seebensteiner Friedhofs.
Seebenstein war ein faszinierender Ort. Schon bei der Zufahrt von der Autobahn war man von dem Blick auf die Burg gefangen.
„Diese Burg sieht zu jeder Tages- beziehungsweise Jahreszeit anders aus. Besonders wenn im Herbst der ganze Berg bunt gefärbt ist oder der Nebel die Burg wie von Wolken umgibt. Egal wohin du dich in Seebenstein wendest. Der Blick auf die Burg ist immer präsent. Sie sieht auch aus jeder Perspektive anders aus.“
Otto Pasching war stolz auf sein Seebenstein.
Gern hätte er dem Bezirksinspektor den Park mit dem Parkbad und den Tennisplätzen am Waldrand gezeigt, doch dieser war an seinen Ausführungen nicht interessiert. Ja! Otto hatte sogar das Gefühl, dass es Feri nervte.
Als sie bei dem Friedhof anlangten, ließ es sich der Inspektor trotzdem nicht nehmen, den sich sträubenden Gattermeier zu einem besonderen Platz in das Feld hinter dem Friedhof zu schleppen. Der Revierinspektor musste zugeben, er war beeindruckt über die Aussicht, die er hier zu sehen bekam.
Wie auf einer Ansichtskarte war zuerst links in der Höhe die Burg mit dem Turm zu sehen. In der Mitte, leicht die Dächer des Ortes überragend, die Kapelle mit dem Spitzturm. Wenn man danach den Blick weiter nach rechts in die Ferne lenkte, türmte sich zwischen zwei grünen Hügeln der stolz aufragende Schneeberg auf. Er ist das Wahrzeichen dieser Gegend Niederösterreichs. Diese tolle Aussicht wurde noch gekrönt mit einem phänomenalen Sonnenuntergang, der den Himmel um den Schneeberg orange bis rot färbte. Welch ein Panorama! Es ließ das Herz des Inspektor Pasching höherschlagen.
Gattermeier holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
„Wir haben noch eine Aufgabe – schon vergessen?“
„Entschuldige! Aber ich habe…!“
„Schon gut. Sie wollten mir Ihre Welt zeigen. Es ist sehr schön hier, wenn man davon absieht, dass wir hier eigentlich beim Friedhof sind!“ ätzte Feri ein wenig. Doch damit kam er bei Otto nicht an.
„Friedhöfe haben etwas romantisches, friedliches an sich…“, versuchte er sich zu ereifern, doch Gattermeier ließ ihn einfach stehen und stapfte eiligen Schrittes zu Frau Schopps Grundstück.
„Wir haben zu arbeiten und der Tag geht zu Ende!“

 

„In Klagenfurt ist ein Patient verstorben, weil die ihm versprochene Niere nicht rechtzeitig ankam!“
Matzinger schwenkte fröhlich ein Memo, als wäre es das Gegenteil einer Todesnachricht.
„Schickt sofort ein Team zur Unterstützung der Klagenfurter Beamten. Möglicherweise gibt es einen direkten Zusammenhang mit unserem Fall! Stellt fest von wem die Niere versprochen war und warum sie nicht rechtzeitig ankam. Klärt alle Möglichkeiten und Fakten im Hinblick auf unseren verstorbenen Spender! Vor allem auf den Verdacht von Organhandel!“
Der Leutnant war zufrieden. Seine Einschätzung zu dem Toten am Seebenstein schien richtig zu sein. Vielleicht könnte seine SOKO den Fall von Klagenfurt aus klären. Die Leiche aus Seebenstein sollte ja für immer verschwinden. Es wurde nur durch einen Zufall verhindert. Ist doch klar, dass man sie, so weit wie möglich vom Tatort entfernt, entsorgen möchte.
Die Beamten des LKA – Kärnten waren sehr erstaunt über ein Hilfsangebot aus Niederösterreich, um das man nie gebeten hatte. Es gab bei ihnen keinen Fall von Organhandel.
Hauptmann Josef Leitner hatte noch nie von einer Sonderkommission – Organhandel gehört.
„Wir haben sie aus gegebenen Anlass wegen eines Vorfalls in Niederösterreich gegründet. Wir haben hier für sie Kopien der Protokolle!“ Inspektor Koller übergab die Dokumente.
Sein Partner Inspektor Fiedler verhielt sich ruhig. Er fand, dass alle Referatsleiter seltsam waren. Diese unverhohlene Arroganz. Das war nicht nur bei diesem Hauptmann zu spüren. Nicht jeder ist zu einem führenden Beamten berufen.
Er – Fiedler, würde es ganz anders machen. Kollegialität ist doch wichtig. Man sollte seine Mitarbeiter ermutigen, ja aufbauen. Er hatte große Aufstiegspläne. Sein Vorbild war Leutnant Matzinger. Der wusste was er wollte und drückte es durch. Er hatte Humor, wenn manchmal auch etwas makaber. Doch wer ihn gut kannte… Da musste er an die Auseinandersetzung mit Matzingers Partner Gattermeier denken. Dieser Mann hatte den Spaß ganz offensichtlich in die falsche Kehle bekommen. So etwas kommt schon mal vor.
An den Protokollen war auch Leitner interessiert. Die beiden Inspektoren aus St. Pölten wirkten jung und unerfahren. War man dabei, sie zu verheizen? Der Hauptmann war schon lange genug im Dienst, um zu erkennen, dass die Beiden sehr unsicher waren.
Leitner überflog die Protokolle und stellte fest, dass es für ihn keine Ursache für einen Tatbestand, „Internationalen Organhandel“, gab.
„Interpol hat hier doch ganz eindeutig festgestellt, dass es keinen Verdacht auf diesen Handel in Österreich gibt. Was Sie meine Herren haben, ist ein Mord durch eine verunglückte Nierenentnahme. Alles was Sie herausfinden müssen ist: Für wen war sie bestimmt!
Ich denke der Täter ist im Umfeld des Toten zu suchen. Finden Sie den Kranken, für den sie bestimmt war und finden Sie einen Chirurgen, der ihn kennt und in der Lage ist, so eine Operation vorzunehmen. Was um Himmelswillen suchen Sie bei uns in Kärnten!“
„Wir sind hier, weil wir Nachricht von so einem Kranken haben, der wegen einer versprochenen, aber nicht angekommenen Niere verstorben ist!“ verkündete Koller eifrig.
„Es könnte doch einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen geben. Jedenfalls ist es nicht auszuschließen!“ warf Fiedler ein, um einer hochnäsigen Bemerkung seitens des Hauptmannes zuvorzukommen.
Josef Leitner griff zu Telefon: „Können Sie bitte herausfinden ob es eine Anzeige wegen eines Todesfalles im Zusammenhang mit einer nicht gelieferten Niere gibt?“
Er wandte sich an die beiden Besucher.
„Wir sind hier für Morde und ähnliche Aktivitäten zuständig. Todesfälle in Krankenhäusern gehören nicht zu unseren Aufgaben.
Es dauerte nur einige Minuten, dann kam die Antwort.
Josef Leitner lehnte sich in seinem Stuhl zurück und lächelte gequält.
Also – es gab diese Meldung.
„Na schön! Ich gebe Ihnen unseren Aspiranten Roman Schleger mit. Er ist ein sogenannter Spätberufener. In seinem Vorleben war er Taxifahrer. Er kennt sich hier aus wie in seiner Westentasche. Er kann Ihnen auch dienlich sein, falls Sie unseren Dialekt nicht verstehen sollten!“
Er hatte wieder dieses arrogante, süffisante Lächeln im Gesicht. Das war nicht der Humor, den Fiedler meinte!
Sie machten sich auf den Weg zu den Angehörigen des Verstorbenen.
Roman Schleger war ein netter, ruhiger Mann - so Mitte dreißig und wohnte in Klagenfurt.
„Wieso sind Sie in ihrem Alter noch Aspirant?“
Fiedler erntete einen bösen Blick von seinem Partner. Quasi: `Sowas fragt man nicht´.
Roman nahm es mit Humor.
„Das ist eine fast unglaubliche Geschichte gewesen. Es gab einen Taxiüberfall und die Polizei war nicht erfolgreich. Da der Überfallene mein Freund war, nahm ich gemeinsam mit ein paar anderen Kollegen die Verfolgung auf. Wir sind ja über Funk gut vernetzt. Wir fassten den Kerl und übergaben ihn der Polizei. Kaum 10 Minuten später kam über Funk die Nachricht, dass er der Streife wieder entwischt war. Wir Taxifahrer erwischten ihn wieder und übergaben ihn aufs Neue der Polizei. Diesmal legten sie ihm gleich die Handschellen an!“
„Was geschah dann weiter!“
„Das Geschehen hat mir so gut gefallen, dass ich beschloss Polizist zu werden!“
„Wirklich eine unglaubliche Geschichte!“
Inzwischen waren sie an ihren Ziel angekommen.
Es war ein Einfamilienhaus der gehobenen Klasse. Ein Dienstbote führte sie in eine Art Bibliothek.
Die Dame des Hauses hatte ihren Auftritt. Sie erschien.
Die Anrede der Beamten ernüchterte sie schnell.
„Sie hatten einen Todesfall, wir sprechen unser Bedauern aus!“
„Was will die Kriminalpolizei von uns? Der Tod ist doch geklärt. Das Begräbnis ist nächste Woche! Der Staatsanwalt ist eingeschaltet, denn wir klagen!“
„Woher sollte das Organ kommen und warum kam es nicht an?“
„Aber das war doch schon alles geklärt. Was soll denn das?“
„Nach unseren Informationen sollte die Niere aus Neuseeland kommen!“
„Das wirft die Frage auf wie Sie zu den Informationen kamen!“, staunte sie.
„Wir sind von der Sonderkommission Organhandel und untersuchen Umtriebe mit Organen!“
„Organhandel?“ Frau Nemec, die Lebensgefährtin des Verstorbenen sprang auf.
„Das ist doch eine riesen Dummheit. Die Niere stammt vom Bruder meines Lebensgefährten. Dieser lebt in Neuseeland. Die Niere kam per Flugzeug. Sie war schon unterwegs nach Klagenfurt. Dann mit dem Auto zu uns. Die Operation hatte schon begonnen, die Niere sollte nur noch aus dem Auto geholt werden…!“
Nun verlor sie die Fassung und begann heftig zu weinen.
Man versuchte sie zu trösten, um das Ende des Geschehens zu erfahren. Doch das war nicht mehr möglich. Sie lief in ihr Schlafzimmer und schloss sich ein.
Der Angestellte erzählte fertig: „Das Auto war unversperrt vor dem Spital gestanden und wurde gestohlen. Das geschah innerhalb von ein paar Minuten. Sie fanden den Täter bald aber für meinen Herren war es zu spät.
Er starb an einer Infektion, die er nach dem leicht verspäteten Eintreffen der Niere erlitt!“
Es war still im Raum. Man war von dem Gehörten erschüttert. Leise verabschiedeten sich die Beamten. Fast schämten sie sich.
Doch letzten Endes: Es hätte ja sein können.
Georg Hofreiter, der Computerspezialist des Kriminalamtes und in diesem Fall der Informant Feri Gattermeiers, krümmte sich fast vor Lachen. Leutnant Matzinger verbiss sich weiter in die falsche Fährte und mit ihm die ganze SOKO – Organhandel.

 

Es war ein nettes Häuschen. Ein wenig bieder mit den vielen Rosenstöcken im Vorgarten. Noch waren sie ja zurückgeschnitten. Man konnte die ersten zarten Triebe erkennen. Die Anzahl der glänzenden Rosenkugeln ließ erahnen, welch Paradies dieser Vorgarten im Sommer sein mochte.
Helga Schopp war eine resolute Mittfünfzigerin in Arbeitsklamotten.
Sie war eben dabei, neue Pflanzen in die Beete des hinteren Gemüsegartens zu setzen.
Sie wischte sich einfach die schmutzigen Hände an der Schürze ab. Sie wurden dadurch nicht sauberer, deshalb verzichteten die Beamten auf einen Händedruck.
„Wir kommen wegen eines Ferenz Wadosch. Kennen Sie den?“, eröffnete Gattermeier das Gespräch.
Helgas vormals neugieriger Blick beim Anblick der Beamten, erlosch sofort. Er veränderte sich umgehend in hasserfüllt.
„Natürlich kenne ich den – doch ich habe schon lange nichts mehr mit ihm zu tun.“, sagte sie in verächtlichem Ton.
„Nun immerhin wohnt er in ihrem Haus!“, meinte Inspektor Pasching und erntete dafür einen strengen Blickverweis des Bezirksinspektors.
„Ich brauche dieses Haus nicht. Ich wohne hier im Haus meiner Mutter. Er hat das Haus eingerichtet und Iris hat es so gewollt. Sie sollte es einmal erben.
„Iris, das ist Ihre und des Ferenz Tochter?“
„Ja und sie blieb nach unserer Trennung bei ihrem Vater!“
„Man sagt, sie war plötzlich verschwunden. Wo lebt sie jetzt?“
„Sie ist verheiratet und lebt in Pitten, einem Nachbarort, nur einige Kilometer von hier.
„Wer ist denn da draußen?“ vernahm man die krächzende Stimme einer offensichtlich alten, aber neugierigen Frau aus dem Inneren des Hauses.
Das gab der überraschten Frau Schopp einen Augenblick Zeit, ihre Antwort zu überlegen.
„Was wissen die Polizisten über Ferenz!“, überlegte sie.
Laut sagte sie: „Das ist meine Mutter, sie ist 80 Jahre alt, etwas dement, liebt aber Besuch und das kommt bei uns eher selten vor! Gehen wir doch hinein. Ich muss mich entschuldigen. Wir haben nicht mit Besuch gerechnet und es ist etwas unordentlich, weil ich das schöne Wetter für die Frühlingsarbeit im Garten nützen muss!“
Sie hatte nicht übertrieben. In der Mitte des Raumes, der offensichtlich das Wohnzimmer darstellen sollte, thronte die alte Dame in einem Rollstuhl. Um sie herum lagen Zeitungen wild verstreut. Offensichtlich las sie diese und ließ sie einfach fallen.
Verlegen räumte Frau Schopp zwei Stühle von Kleidung frei, damit die Inspektoren sitzen konnten. Das Zimmer erschien wirklich unordentlich und das sicher nicht erst seit Kurzem. Noch dazu roch es etwas stickig. Fenster öffnen war scheinbar auch nicht die Stärke dieser Frau.
Helga schien die Gedanken der Beamten erraten zu haben, denn sie sagte entschuldigend: „Meine Mutter verträgt offene Fenster nicht um diese Jahreszeit, selbst wenn es draußen schön ist! Was wollten Sie von Ferenz. Er war mein Lebensgefährte, doch das ist schon 15 Jahre her.“
„Was wollen die Polizisten von Ferenz?“, wollte die alte Dame wissen.
„Ach ja darf ich vorstellen? Das ist meine Mutter Katharina Schopp!“
„Damit hatte sie sich wieder einen Augenblick für eine Antwort geschaffen!“, dachte Gattermeier.
Otto Wadosch saß nur mehr ruhig da, um keinen neuen Blickverweis zu bekommen. Es war doch klar, dass der Revierinspektor die Befragung durchführen wollte. Doch auch er erkannte: die Frau verhielt sich eigenartig.
„Wann hatten Sie den letzten Kontakt mit Ferenz Wadosch?“
Gattermeier war sich klar: Diese Frau wusste Bescheid.
„Warten Sie – das ist schon lange her! Eigentlich Jahre!“
Damit hatte sie nicht einmal sonderlich gelogen.
Da kam die Bemerkung von Katharina Schopp, die Gattermeier die weitere Richtung seiner Befragung vorgab.
„Geht es um deine Tochter, diese Hure?“, krächzte sie.
„Mutter – sei still. Deswegen sind die Polizisten nicht hier!“
„Sollten sie aber. Inzest ist ein Verbrechen! Du bist schuld daran!“
„Mutter! Schweig!“ Helga Schopp war außer sich. Otto Pasching konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, dass sie ihre Mutter schlug. Er musste die aufgebrachte Frau in den Stuhl drücken und festhalten. Katharina Schopp war nicht mehr aufzuhalten. Jahrzehntelang unterdrückte Wut brach heraus.
„Du willst mich schlagen? Du hast doch gewusst, dass er es mit Kindern getrieben hat! Du hast ihm deine Tochter in den Rachen geworfen!“
„Aber sie hat ihn doch geliebt und wollte bei ihm bleiben!“
Helga Schopp erlitt eine Art Nervenzusammenbruch.
„Sie hat ihn geliebt, ihn geliebt. Ich konnte nichts dagegen tun!“, wimmerte sie.
„Du bist doch die gleiche Hure. Du Drecksau hast ihm das Kind untergeschoben!“, Frau Schopp war nicht mehr zu halten. Sie war nahe an einem Herzinfarkt. Otto rief inzwischen den Rettungsnotruf, denn beide Frauen waren nahe am Kollabieren.
„Als die Iris schwanger war, hat er sie verstoßen. Du hast nichts dagegen unternommen!“
„Halt doch dein Maul! Du weißt doch wie die Iris war! Sie hat sich von niemandem dreinreden lassen.“
Nun war sie tatsächlich der Ohnmacht nahe.
„Die Ohnmacht ist nur gespielt!“, kreischte die alte Frau völlig hysterisch und wollte ihre Tochter mit dem Krückstock schlagen. Das konnte Otto Pasching gerade noch verhindern.
„Verdammt beruhigt euch jetzt!“, brüllte Inspektor Gattermeier plötzlich los. Er dachte ein kleiner Schock würde die Spannung etwas lösen.
Er stand hier offensichtlich vor der Lösung des Falles. Katharina Schopp verstummte tatsächlich vor Schreck und Helga nahm schluchzend die Hände vor das Gesicht.
Katharina wandte sich nun ab und wollte mit den Polizisten nichts mehr zu tun haben. Sie brabbelte vor sich hin und war offensichtlich weggetreten. Sie schien zufrieden. Sie hatte ihre aufgestaute Wut losgelassen.
Der eben erschienene Notarzt gab beiden eine Beruhigungsspritze und verließ sie wieder.
Im weiteren Verlauf konnte Gattermeier aus den Beiden nichts mehr herausholen. Sie hatten sich tatsächlich beruhigt und Helga bat die Beamten zu gehen.
Das taten sie auch.
„Wir sind auf der richtigen Spur“, meinte Feri zufrieden.
„Es ist wie ich dachte, eine Familientragödie. Der operierende Arzt musste das Opfer gut gekannt haben. Doch morgen ist auch noch ein Tag. Wir sind der Lösung sehr nahe.“ Es war inzwischen finster geworden und sie fuhren nach Hause. Hoch oben blickte die hell erleuchtet Burg ins Tal. Wie schon gesagt war sie auch in der Nacht überall zu sehen. Was dem Revierinspektor völlig egal war. Seine Gedanken rotierten.

 

Klagenfurt ergab keinen Zusammenhang mit dem ermordeten Ferenz Wadosch.
Die SOKO – Organhandel war ein Fehlschlag. Es gab keine Hinweise auf einen Organhandel in Österreich.
Oberstleutnant Matthias Kreithner blätterte missmutig in den Akten, die ihm Leutnant Matzinger vorgelegt hatte.
„Ich stelle fest: Viel Lärm um nichts!“, begann er. „Wie denken Sie, werden Sie mit dem Fall weiter machen?“
Friedhelm Matzinger studierte finster seine Fingernägel, um dem Oberst nicht in die Augen sehen zu müssen.
„Vermutlich werden wir von einer anderen Tatmotivation ausgehen. Es könnte sich um eine chirurgische Übung eines gewissenlosen Wahnsinnigen gehandelt haben. Wir werden uns im Umfeld von werdenden Chirurgen umhören müssen. Möglicherweise ist der Täter doch mit der Lokalität bekannt. Das Indiz dafür wäre der Brunnen und die seltsame Zufahrt über den Forstweg!“
Der Oberstleutnant nickte mit dem Kopf.
„Ihr habt viel Zeit verloren. Suchen Sie nach dem geländegängigen Fahrzeug im Umkreis dieser Gegend. Vielleicht werden Sie auf diese Weise fündig. Ihr bisheriges Vorgehen hat Sie nicht berühmt gemacht!“
Mit hängenden Schultern verließ der Leutnant das Büro seines Chefs.
Doch dann straffte sich seine Haltung. Forschen Schrittes betrat er sein Büro. „Leute, wir ändern den Fokus. Wir suchen einen SUV aber einen mit großer Radfreiheit und das in der Umgebung Wiener Neustadt, Neunkirchen. Vielleicht im Zusammenhang mit einem werdenden Arzt oder überhaupt ärztlichem Zusammenhang. Vielleicht Student oder so.
Die SOKO – Organhandel wurde aufgelöst.
 

Otto und Feri waren auf dem Weg nach Pitten, einer Nachbargemeinde von Seebenstein. Dort sollte Iris, die Tochter von Ferenz Wadosch und der Helga Schopp, mit ihrem Gatten wohnen.
Auch hier schwärmte Otto Pasching von der wundervollen Gegend.
„Was für Seebenstein die Burg ist, ist für Pitten das Bergschloss. Es blickt ebenso würdevoll über das Pittental. Es ist zugegeben noch toller als Seebenstein, weil sich an dem Schlossberg angeschmiegt nicht nur die barocke Felsenkirche befindet, sondern auch die Häuser herum wie an den Berg geklebt aussehen. Es wirkt wie die an den Uferfelsen gebauten Häuser Griechenlands. Auch die Farben und Art der Häuser sind ähnlich.
Die Zufahrt dazu war relativ steil und zu dem Haus der Iris Kaindl gelangte man über eine längere Stiege. Es hatte hier wirklich ein südliches Flair.
Otto war kaum zu bremsen:
„Du solltest erst mal sehen, welche Aussicht man von den Zinnen der Kirchhofmauer hat.
Man überblickt den Schneeberg, die Rax, die Hohe Wand, den Semmering und den Hochwechsel.“
Feri Gattermeier schnaufte die Stiegen hinauf. Otto nervte mit seiner übertriebenen Begeisterung. Was interessierten ihn denn die Ortschaften. Er hatte einen Fall zu lösen, um endlich wieder in St. Pölten landen zu können. Diese Landeshauptstadt war sein höchstes Begehr.
Er blickte aufatmend bergab. Da stockte sein Atem und er begann fast zu hyperventilieren. Er griff sich ans Herz und zeigte nach unten. Otto folgte verwundert seinem ausgestreckten Arm, da erkannte er den Grund für Feris Aufregung. Am Fuße des Berges war ein Parkplatz. Da stand ein sogenannter SUV, ein Geländefahrzeug.
„Das ist doch kein Zufall!“, keuchte Gattermeier noch ganz außer Atem.
„Ich bitte sie – heutzutage hat doch jeder zweite einen SUV. Die sind gerade modern!“, warf Otto Pasching ein.
Er hatte seinen Revierinspektor noch nie so aufgeregt gesehen.
„Dies ist nicht nur ein SUV. Das ist ein Landrover Defender. Mit so einem Fahrzeug ist es möglich den felsigen Pfad zu dem Brunnen zu erklimmen!“, erklärte Feri begeistert.
„Sprechen wir doch erstmal mit dieser Iris Kaindl. Dann wissen wir es ganz genau.“, versuchte Otto seinen Partner zu beruhigen.
Nun war Gattermeier nicht mehr zu halten. Er stürmte die Stiegen hinauf, die ihm eben noch zu schaffen machten.
Frau Kaindl sah sie heranstürmen und öffnete die Tür. Sie hatte die Polizei schon erwartet. Ihre Mutter hatte sie informiert, was in Seebenstein vorgefallen war.
„Ich versuche es kurz zu machen!“, sagte Gattermeier forsch. Er hatte noch ein wenig mit seinem Atem zu kämpfen.
„Was wissen Sie über den Tod Ihres Vaters?“
Iris sank zusammen wie ein Häuflein Elend und schwieg.
„Helfen Sie uns doch, dieses entsetzliche Verbrechen aufzuklären!“
Er versuchte es auf die sanfte Tour.
Es meldete sich ihr Handy.
„So gehen Sie doch ran!“, ermunterte sie Gattermeier.
„Es ist mein Mann. Er ist jeden Moment hier. Er soll mit Ihnen sprechen!“
Sie wirkte jetzt völlig apathisch. Mit dieser Frau war im Moment kein Gespräch möglich.
Otto blickte sich um. Es war ein gepflegtes Daheim. Ganz anders als bei ihrer Mutter. Da sah er an der Wand Diplome hängen.
„Sehen Sie doch mal!“, machte er den Revierinspektor aufmerksam.
Dieser sprang auf und betrachtet die Dokumente.
„Ihr Mann ist Arzt?“ Das Bild in seinem Kopf schien komplett.
„In Pension. Er war Chirurg im Wiener AKH (Allgemeines Krankenhaus)“
Das Herz Feri Gattermeiers erbebte. St. Pölten kann kommen!
„Hat er die Niere entnommen?“
Es kam keine Reaktion von Iris.
„Sind Sie sicher, dass ihr Mann hier erscheinen wird?“
Otto hatte den Verdacht, dass dieser womöglich auf der Flucht sein könnte. Auch Inspektor Gattermeier dachte schon an diese Möglichkeit. Vielleicht war es ein Fehler, das LKA nicht einzubinden. Was wäre, wenn der Täter ihnen im letzten Moment, wegen seines Ehrgeizes, durch die Lappen ginge. Dann wohl ade - St. Pölten.
Gattermeier erschauderte - er wurde unruhig. Er rief seinen Postenkommandant an und erklärte ihm die Sachlage. Dieser beruhigte ihn.
„Nun haben wir uns schon so weit hinausgelehnt – jetzt werden wir im letzten Moment nicht aufgeben. Ich gebe sicherheitshalber eine Fahndung nach Gustav Kaindl hinaus. Bringen Sie das zu Ende!“
Iris war wieder zum Leben erwacht.
„Ich werde Ihnen einen Kaffee machen. Sie können beruhigt warten. Ich bin mir sicher er kommt. Er weiß nicht, dass Sie hier auf ihn warten!“
Als sich Iris erhob erkannten sie, dass sie hochschwanger war.
„Ein Nachzügler!“, konnte sich Otto nicht verkneifen angesichts des fortgeschrittenen Alters der Eltern.
„Sie glauben doch nicht im Ernst, dass mein Mann seinem Schwiegervater die Niere entnahm!“, sagte sie mit der dampfenden Kanne in der Hand.
Iris hatte noch die Gelegenheit den Kaffee und Kuchen zu servieren, bis Herr Gustav Kaindl eintraf.
Er wirkte wie ein gemütlicher Mittfünfziger, doch seine weißen Haare und die Tatsache, dass er in Pension war, wiesen auf sein wahres Alter hin.
Er war ziemlich überrascht als er die Beamten sah.
„Polizei? In unserem Haus?“
Er sah prüfend auf seine Frau. Was mochte sie den Beiden gesagt haben.
Diese reagierte völlig gelassen, im krassen Gegensatz zu ihrem vorhergehenden Zusammenbruch.
„Es geht um Ferenz – er ist tot!“, erklärte sie ruhig.
„Ferenz tot? So alt ist er ja noch gar nicht!“, kam die erstaunte Ansage des Gustav Kaindl.
Nun war dem Gattermeier klar, dass es hier nicht einfach ein Geständnis geben würde. Für ihn war sonnenklar, dass er hier den Täter vor sich hatte. Der gleichen Meinung war auch Pasching.
„Jetzt tun Sie doch nicht so unschuldig. Sie waren es doch, der ihn getötet hat. Das werden wir Ihnen beweisen! Es ist besser wenn Sie ein Geständnis ablegen. Erleichtern Sie ihr Gewissen!“
Gattermeier sprach sehr eindringlich. Er wollte die Sache hier zu Ende bringen.
„Wo waren sie Donnerstag um 4 Uhr früh?“, mischte sich Pasching ein.
„Zuhause im Bett. Meine Frau wird das bestätigen können!“
„Reden Sie doch keinen Unsinn! Sie wissen, dass dieses Alibi nichts wert ist!“, polterte Gattermeier.
„Ihre Frau ist schwanger, was denken Sie wie lange sie einem scharfen Verhör standhalten wird!“, versuchte es Pasching.
„Sie dürfen sie nicht verhören und außerdem kann sie die Aussage verweigern!“
„Ich verstehe! Aber wenn sie die Aussage verweigert, kann sie auch ihr Alibi nicht bestätigen!“, drängte Gattermeier nach.
Gustay Kaindl wankte. Gattermeier war klar, dass er nicht mehr lange standhalten würde.
„Geben Sie das Lügen auf. Sie wurden gesehen und auch ihr Geländefahrzeug wurde gesehen. Außerdem wird der Hund Sie erkennen!“
Das war nun auch gelogen, aber für ein schuldbeladenes Wesen mussten diese Ansagen wie Hammerschläge wirken.
Pasching legte noch ein Schäufelchen nach:
„Ihr Landrover steht hier unten auf dem Parkplatz. Wir können Ihnen versichern, dass wir auf jeden Fall etwas finden werden. Schmutzpartikel von der Auffahrt über den Forstweg zum Beispiel. Auch wenn Sie den Wagen noch so gut geputzt haben. Unsere Forensik - Leute finden immer etwas. Man kann eine Leiche nicht über so eine Holperstrecke transportieren, ohne dass minimale Spuren bleiben!“
„Wir werden auch herausfinden für wen die Niere bestimmt war, die man dann offensichtlich nicht brauchte!“, setzte Gattermeier einen drauf.
Gustav Kaindl zucke bei jedem dieser Worte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er erkannte, dass Leugnen sinnlos war.
Iris saß da und schluchzte.
Gattermeier erkannte: Der Mann war nun so weit. Er nahm das weitere Gespräch mit dem Handy auf.
Gustav hatte nun traurige Augen und wirkte gebrochen, was Angesichts des ihm vorgeworfenen Verbrechens kein Wunder war.
Die beiden Polizisten warteten und ließen ihn reden.
„Ich glaubte, keine Wahl zu haben“, gab er zu Protokoll. „Mein einziger Sohn, den ich über alles liebe, brauchte eine Nierentransplantation – und das dringend! Ich war bereit, ihm meine Niere zu spenden. Da begann das Verhängnis. Ich konnte sie nicht spenden, weil sie nicht passte. Dabei stellte sich heraus, dass ich gar nicht der Vater war.
Ich stellte ich meine Frau natürlich zur Rede.
Da sie schwanger ist, kam sie als Spenderin nicht in Frage.
Nach einem fast einstündigen Verhör gestand sie unter Tränen, dass sie von ihrem Vater vergewaltigt wurde und mein Schwiegervater der wirkliche Vater meines geliebten Sohnes ist.
Ungeachtet all des Hasses und der schrecklichen Gedanken, die ständig meine Seele marterten, wäre ich bereit gewesen ihm zu vergeben, wenn er eine seiner Nieren seinem – meinem - unserem Sohn opfern würde.
Doch dessen Erschütterung galt nicht seinem kranken Sohn. Er war nur entsetzt, dass sein Vergehen aufgekommen war. Er machte sich um seine Zukunft Sorgen. Zu einer Transplantation war er nicht bereit!“
Gustav bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen, als könnte er sich dahinter verstecken. Ihm graute vor sich selbst.
„Ich konnte es nicht glauben. Zuerst war ich fassungslos und verließ ihn wortlos.
Ich sah keinen Ausweg. Während ich nach Hause fuhr, reifte der Plan. Meine menschlichen Gefühle hatten ausgesetzt. Ich wollte nur noch meinen – seinen Sohn retten. Um jeden Preis.
Ein Vater, der seine Tochter vergewaltigt und sie seinen Sohn aufziehen ließ, war schlimm genug. Dass er dann nicht bereit war, diesem das Leben zu retten, war für mich unverständlich. Er hatte für mich kein Recht weiter zu leben.
Also holte ich mein Chirurgenbesteck aus dem Keller und das Weitere kennen sie!“
„Aber warum haben Sie die Niere dann nicht genommen, sondern ihm zwischen die Beine gelegt?“
„Tja! Ein Unglück kommt selten allein! Meine Frau ahnte, was ich vorhatte und rief ihre Mutter an. Während ich noch an der Niere meines Schwiegervaters schnippelte, kam deren SMS. Meine Frau war nicht die Tochter dieses Mannes. Sie war das Ergebnis eines Seitensprunges. Iris Kind war ebenso das Ergebnis eines
One-Night-Stands. Ferenz war nicht der Vater. Genauso wenig wie ich.
Er wusste das offensichtlich und war deshalb nicht bereit, seine Niere zu spenden.
Woher sollte ich das wissen? Es ist sinnlos gewesen, ihm die Niere zu entnehmen. Dennoch! Ich war so zornig und fühlte mich im Recht. Jetzt erst wurde mir klar, dass ich zum Mörder geworden war und Ferenz zu Unrecht getötet hatte. Ich hätte ihn überleben lassen können, indem ich nur eine Niere genommen und ihn wieder zusammengeflickt hätte. Er könnte auch nach dieser Entnahme mit einer Niere leben. In meiner Wut habe ich nur an die Niere gedacht. Sein Leben war mir egal! Die Reue und Einsicht kamen zu spät.
Allerdings! Nach dem, was meine Frau über ihn erzählt hat, war sein Tod, so im Nachhinein gesehen, nicht unverdient.
Dazu kam: Mein Sohn war inzwischen verstorben. Alles umsonst!“
Es war still in dem Raum und man wagte kaum zu atmen. Was für eine Tragödie.
Die Verhaftung nahmen die Schwarzauer Beamten vor.
Es war ruhig im Wagen der Beiden, als sie auf dem Rückweg waren.
Otto versuchte die Stimmung aufzulockern, indem er von einer weiteren Sehenswürdigkeit in Pitten erzählte:
„Der Rosengarten vor dem Pfarrhof mit über 2.500 Rosen stellt das zweitgrößte Rosarium Niederösterreichs dar.“
Gattermeier reagierte nicht. Er war schon in Gedanken im Gespräch mit Oberstleutnant Kreithner und wie dieser reagieren würde. Nämlich auf Feris Bitte, wieder in den Kriminaldienst zu wechseln.
„Das jährlich im Juni stattfindende Rosenfest ist wahrlich ein Fest für Rosenliebhaber!“, setzte Otto Pasching fort, nachdem sich Feri nicht rührte.
„Es gibt auch noch den Historienpfad „Zeitsprünge 4000“. Er verbindet in einer geschichtlichen Zeitreise bedeutende archäologischen Funde bei einem gemütlichen Ortsspaziergang. Es gab hier nämlich auch noch Erz abzubauen!“
„Wenn Sie jetzt nicht aufhören gehen Sie zu Fuß nach Hause. Ist das klar?“
Otto schwieg beleidigt. Aber er hatte zumindest all sein Wissen über seine Heimat kundgegeben.

 

Oberstleutnant Kreithner sah sinnend auf die beiden Kontrahenten, welche, ohne einander zu beachten, vor ihm saßen.
Nach einer längeren, für die Beiden fast unerträglichen Pause, sagte er ganz langsam und bedächtig.
„Was mache ich nun. Da sitzen zwei meiner besten Männer und sind unbrauchbar, weil sie einander nicht vertragen!
Als Partner wart ihr unschlagbar - aber jetzt?
Sie, Matzinger, werfen das Geld der Steuerzahler beim Fenster hinaus, um einer falschen Spur nachzujagen. Sie, Gattermeier, hätten es verhindern können, sind aber vom Ehrgeiz getrieben, illegal und ohne Rückmeldungen, ihrer Idee nachgelaufen und haben noch andere Beamte in ihr Intrigenspiel mitgenommen. Es ist euch doch klar, dass dafür eine harte Strafe notwendig ist! Oder?!“
Jetzt blickten sich Matzinger und Gattermeier erstmals bestürzt an. Sie sahen nicht das hintergründige Lächeln ihres Chefs.
Er ließ die beiden noch ein wenig schwitzen. Dann sagte er laut und im Befehlston: „Zur Strafe werdet ihr in Zukunft wieder als Partner arbeiten, wobei ich den Leutnant Gattermeier zum Leiter der Abteilung ernenne. Das, lieber Matzinger, weil ihre Häme zu eurer Auseinandersetzung geführt hat. Im Übrigen! Gattermeier! Ihre Berufung zum Leutnant wurde zur selben Zeit ausgesprochen wie die des Matzinger, kam aber aus irgendeinem Grund um zwei Tage später an!“
Dann verließ er schnell das Büro, weil sie seine Rührung nicht sehen sollten.
Dadurch sah er nicht, wie sich zwei Exfreunde in den Armen lagen.

Otto Pikal                              2020

 

Der Treppenmord

Ich habe es geschafft. Endlich ist es so weit. Wie lange habe ich versucht meine Frau zu überreden eine Lebensversicherung abzuschließen. Sie hatte sich immer geziert. Doch nun plötzlich war der Vorschlag von ihr selbst gekommen. Allerdings unter der Voraussetzung, daß wie beide eine Versicherung abschließen. Gut....soll sie haben. Sie wird nicht lange genug leben, um von ihr zu profitieren.

In vielen wachen Nächten habe ich mir ausgemalt, wie ich sie loswerden  und dabei noch Geld herausschlagen könnte. Es ist unbedingt notwendig meine finanzielle Lage zu verbessern. Die Raten für das Haus sind überfällig und außerdem habe ich Spielschulden bei sehr unangenehmen Leuten. Wenn ich nicht bald bezahlen würde, könnte das für mich ein erhebliches  Gesundheitsrisiko darstellen.

Diese Leute fackelten nicht lange. Dem Uwe hatten sie beide Beine und die Nase gebrochen. Ja – es müsste bald geschehen. Die Zeit des letzen Aufschubes kommt bedrohlich näher. Für eine kurze Zeit konnte ich meine Gläubiger aus der Unterwelt noch vertrösten.

Aber nun gibt es eine Lösung. Ich werde meine verhasste Frau loswerden und dabei genug Geld erhalten, um meine Schulden zu bezahlen. Renate hatte durch Kinderlähmung einen Fuß kürzer und einen leicht verzogenen Mundwinkel. Aber sie war ein Kind aus reichem Hause und die Aussicht auf eine hohe Mitgift hatte mich alles Andere ignorieren lassen. Aber meine Rechnung ging nicht auf.

Renates Vater hatte mich nie gemocht. Aber dass er seine Tochter enterbt hatte und Renate mir das verschwieg, war eine Sauerei.

Für Renate war es die große Liebe und Geld war ihr nicht wichtig – diese Wahnsinnige. Ich habe sie des Geldes wegen geheiratet und war um die Mitgift betrogen worden. Wer heiratet schon eine Behinderte, noch dazu wenn sie arm ist. Ihr Vater hätte mir dankbar sein sollen, dass ich sie nahm. Er hätte mich fürstlich entlohnen müssen. Stattdessen hat er jede Unterstützung verweigert.

Das Geld, welches sie in die Ehe mitbrachte, war nach einigen Monaten verspielt. Lächerliche Beträge, wenn man bedenkt auf welchen Besitztümern der Alte sitzt. Ich bin eben ein Spieler. Mal gewinne ich, mal verliere ich. Ich konnte doch nicht wissen, daß plötzlich kein Geld mehr da war. Alles war schief gelaufen.

Es war eben eine Pechsträhne. Ein bisschen mehr Geld und ich hätte alles zurückgewonnen. Ich habe doch nur soviel riskiert, weil ich dachte es gebe noch Nachschub aber das verdammte Weib war plötzlich pleite. Nun stehe ich da mit einem verpfändeten Haus, mit Spielschulden in der Unterwelt und einer Frau, vor der ich mich ekle, die mich aber liebt und Zärtlichkeiten von mir erwartet.

Solange sie mir immer wieder Geld geben konnte, verstellte ich mich so gut es ging, aber das war lange schon vorbei. Ich konnte dem Krach und dem Ekel nur durch die Flucht entgehen. Aber das nächtelange Ausbleiben kostete auch Geld und trieb mich immer wieder an die illegalen Spieltische. Es war völlig klar. Renate muss sterben und ich würde die Versicherungsprämie kassieren.

Es war schon lange alles geplant. Nur die Lebensversicherung hatte noch gefehlt. Aber nun ist es so weit. Welches Gefühl der Befreiung!

Ich hatte in letzter Zeit viel in meinem alten Elternhaus ausgebaut. Unter Anderem den Keller mit einer Zentralheizung und einer Waschküche. Der Zugang zum Keller erfolgt über eine steile Holztreppe. Renate ärgerte sich immer wieder über diese Treppe, denn sie kann sie mit ihrem Hinkebein und dem Waschkorb nur mit großer Mühe schaffen. Aber das gehört zu meinem Plan.

Es war eine sehr einfache Holztreppe und die Trittbretter waren nur mit einem Falz eingeschoben und konnten daher jederzeit ausgewechselt werden. Ich  hatte vorsorglich ein Ersatztrittbrett gemacht.

Der Plan ist perfekt. Sie hat heute ihren Waschtag. Ich habe ein Trittbrett von unten angeschnitten, so dass man es nicht sehen kann. Wenn sie mit dem Wäschekorb die Treppe hinuntersteigt, kann sie sich nicht anhalten und wird stürzen.

 

Falls sie sich doch nicht den Hals brechen sollte, kann man ja ein wenig nachhelfen. Niemand wird Verdacht schöpfen, wenn ich das Trittbrett austausche und das Angeschnittene in den Ofen werfe.

Eigentlich müsste es schon passiert sein. Ich werde anrufen. Ich werde ja sehen, ob sie ans Telefon geht. .............

Es hebt niemand ab. Sie sollte im Haus sein. Das kann nur bedeuten...........es ist passiert. Meine Güte – es hat funktioniert. Ich  will es genau wissen. Ich muss nach hause - nachsehen.

Ha – sie hat mir einen Zettel geschrieben.

„Die Heizung ist ausgefallen. Sei bitte so lieb und sehe im Keller nach was los ist. In Liebe Renate“

Ja, liebe Renate – ich werde gleich nachsehen, was im Keller los ist. Ich hoffe Du bist los.

Renate... Liebling! Wo bist du? Na sowas - die Kellertür ist offen. Sieh mal einer an. Das Trittbrett ist gebrochen – soviel kann man sehen.

Tatsächlich – sie liegt unten und rührt sich nicht.

Ich muss runter und dafür sorgen, dass sie auch wirklich tot ist.

Ja, vorsichtig über das gebrochene Trittbrett steigen.

Oh Gott -- das zweite Brett gibt auch nach. -- hilfe! --  ich falle! -- verdammtes Weib! -- sie hat auch eine Stufe  angeschnitten! – ahhhhhhhh -- !!!

 

„Es war ein Doppelmord“ sagte der Kommisar nachdenklich. „Der Mörder wollte auf Nummer sicher gehen. Er hat gleich zwei Trittbretter angeschnitten.“

 

 

Hallo Taxi

 Er kam mir schon von Anfang an verdächtig vor. Als Taxilenker bekommt man ein Gefühl für seine Fahrgäste. Mit der Zeit wächst auch die Menschenkenntnis.
Erstes Merkmal: ständig ruhelose, fahrige Bewegungen und unstete, nervöse Blicke.
Zweites Merkmal: kein klares Fahrziel, herumstottern ohne betrunken zu sein. Stimme seltsam verzerrt.
Drittes Merkmal: Erscheinungsbild; abgewirtschaftet, Verlierertyp, schlampig bekleidet.
Alles in Allem: wenig vertrauenswürdig.
Also ein Fall bei dem ich normalerweise bedauernd erkläre:
„Tut mir leid ich habe eben eine Funkfuhre bekommen, nehmen sie doch bitte das nächste Taxi“.
Soll sich doch ein anderer Kollege mit ihm ärgern.
Erstes Problem: Kein anderer Kollege da, der mich entlasten könnte.
Zweitens: Ich wartete bisher bereits drei Stunden vergeblich auf einen Fahrgast.
Drittens: Aus der Aufschrift auf meinem Wagen ging eindeutig hervor, dass ich ohne Funk unterwegs war.
Viertens: Als erster, noch dazu als Einziger erster Wagen bin ich gesetzlich verpflichtet den Fahrgast zu befördern. Meine Beobachtungen reichen gesetzlich nicht aus um ihn abzulehnen.
Ich ließ den Fahrgast also trotz meines miesen Gefühls einsteigen.
Es wird schon nichts passieren. Ich werde einfach aufpassen.
„Wohin soll es gehen?“
„Richtung Kaltenleutgeben! Ich sag es ihnen dann schon!“
Sofort fühlte ich einen Stich in der Magengrube.
„Ich hätte gerne eine genaue Adresse“, wagte ich zu sagen.
„Ich war nur nachts da... keine sorge ich finde es schon“, war seine für mich sehr unbefriedigende Antwort.
Ich seufzte und fuhr schließlich los.
„Vielleicht ist er ja harmlos und ich mache mir zu viel Gedanken“, hoffte ich. Damals war ich noch nicht bewaffnet.
„Hier rechts ran!“, sagte er plötzlich. Ich erschauderte. Hier war kein Haus zu sehen. Dennoch verlangsamte ich mein Tempo irgendwie automatisch. Plötzlich fühlte ich ein Messer an meiner Kehle und der Alptraum wurde wahr.
„Du greifst jetzt schön langsam nach der Brieftasche und reichst sie mir mit den Fingerspitzen herüber“, raunte er mir ins Ohr und verstärkte den Druck an meiner Kehle. Meine Gedanken arbeiteten. Meine Wut über meine Blödheit und die Frechheit des Mannes mein schwerverdientes Geld zu rauben war größer als meine Angst.
„Mein Geld kriegst du nicht!“, beschloss ich. Allerdings hatte ich sowieso noch keinen Umsatz gemacht. Ich hatte bloß mein Wechselgeld im der Brieftasche. So gesehen wäre der Verlust nicht groß gewesen!
Dennoch... es ging um das Prinzip! Um die Frechheit.
Meine Gedanken wurden brutal unterbrochen.
„Ich warne dich! Gib die Brieftasche rüber oder ich schnitz dir ein Monogramm in deinen Hals!“
Im mir bäumte sich Widerstand auf; trotz der Warnung! Der Mann war nüchtern. Er würde keinen Mord begehen! Das war ein Verlierer; dessen war ich mir sicher.
Da kam mir eine Idee.
„Sei nicht blöd! Bei mir ist nichts zu holen. Ich habe nur das Wechselgeld. Dreihundert Schilling! Ich habe eine bessere Idee. Dabei können wir beide gewinnen!“, ächzte ich.
Ich gab ihm die Brieftasche nicht... pasta!
Nun wurde mir schon mulmig. Das Messer an meinem Hals begann mich zu verletzen. Das Gefühl war äußert unangenehm.
„Was heißt bessere Idee... ich stech’ dich ab! So einfach ist das!“, brüllte er jetzt verärgert. Aber neugierig war er doch!
„Wir könnten gemeinsam zwanzigtausend machen!“
Jetzt begann mich der Hals zu schmerzen und Panik macht sich bei mir breit. Wie lange würde er noch zudrücken?
„Was erzählst du da... zwanzigtausend?“
Der Druck des Messers an meiner Kehle wurde leichter. Ich atmete auf.
„Eine einsame Tankstelle! Drei Kilometer von hier. Ich habe dort gearbeitet. Ich wollte sie immer schon knacken. (Der Druck an meinem Hals wurde weniger)
„Soll das ein Scherz sein?“
Ich merkte, sein Ton wurde unsicherer. Würde er mir glauben?
„Allein bin ich zu feige... aber mit dir... ich als Fahrer und du als Räuber! Wir könnten den Tresor voll erwischen! Er wird erst morgen geleert. Allein in der Kasse sind um diese Zeit mindestens fünftausend Schilling... oder willst du lieber meine lächerlichen dreihundert?“
Ich merkte... er dachte nach. Er wurde unsicher! Die Hand mit dem Messer entfernte sich einige Zentimeter von meiner Kehle... Da packte ich mit beiden Händen zu! Mit einem Ruck zog ich die Hand mit dem Messer von meiner Kehle weg in Richtung Frontscheibe. Dreimal die Woche Gewichtstraining im Fitnesscenter machten sich jetzt bezahlt. Durch den Ruck und dem Überraschungseffekt wurde der verhinderte Taxiräuber aus seinem Sitz nach vorne geschleudert und zwischen den beiden Vordersitzen eingezwängt. Er ließ das Messer los. Sein Kopf war nun neben meinem Körper. Ich packte ihn in eine Art Schwitzkasten und schlug auf sein Gesicht ein. Ich dürfte gut getroffen haben denn sein Körper erschlaffte. Er schien KO zu sein.
Ich erschrak. Was nun? Mit der Polizei wollte ich nichts zu tun haben. Der Mann blutete stark also zog ich ihn aus dem Wagen und legte ihn auf den Straßenrand. Ich sah mich um, startete und fuhr los.
Doch nun meldete sich mein Gewissenswurm.
„Ich habe ihn doch hoffentlich nicht umgebracht!“, schossen mir die Gedanken durch den Kopf „Er braucht Hilfe!“
Ich raste an einer Telefonzelle vorbei.
„Das ist die Lösung!“, dachte ich. Ich wendete und rief über die Telefonzelle den Polizeinotruf an (damals gab es noch kein Handy).
Ich meldete einen Verletzten am Straßenrand und legte auf. Dem Räuber würde geholfen werden. Jetzt erst kam eine überschäumende Freude in mir auf. Ich hatte nicht nachgegeben. Ich fühlte mich als ob ich bei einer Olympiade gewonnen hätte.
Wie sagte schon Wilhelm Busch?
„Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!“
„Dieser Mann wird sich in Zukunft hüten einen Taxiüberfall zu wagen!
Dessen war ich mir sicher.

Die Euphorie legte sich bald, da ich anfing nachzudenken.
War es Mut oder Dummheit? Es war Zorn und im Zorn kann man nicht klar denken.
Ich hatte wegen lächerlichen dreihundert Schilling mein Leben auf das Spiel gesetzt. Die Sache hätte durchaus auch anders ausgehen können.
Dieser Mann tat mir nun plötzlich leid. Gut... ich hatte ihn nicht angezeigt. Das hielt ich mir zugute.
Dennoch.. ich hatte einem Verlierer nur eine weitere schmerzliche Niederlage erteilt.
Anderseits gebe ich zu bedenken dass im Laufe meiner Zeit im Taxigewerbe 15 Kollegen bei Taxiüberfällen ums Leben gekommen sind. Einige davon kannte ich persönlich.
Da bekommt meine Tat schon ein anderes Gewicht! Oder?

Otto Pikal                    2014